times of change - mein kuratiertes Selbst
Während ich versuche, den Titel als Einstieg zu wiederholen- mein kuratiertes Selbst- fuchtelt der KI-generierte Autokorrektor ungefragt in meinen Text hinein. Er macht notorisch- selbst unkorrigierbar! - ein kuriertes Selbst daraus. Intuitiv - d.h in seinem Fall data-based- hat er ausserdem erkannt, daß ich süchtig danach bin, mich zu heilen.
Selbst ist das Stichwort. Selbst genügsam, emotional autonom, nicht angewiesen, nicht abhängig, vielleicht eingebettet, aber bitte nicht zu sehr gebunden, auf keinen Fall belastet oder gar beschwert. Wir sind leicht, ganz leicht, ohne Bürde unterwegs! Keine Altlasten! heißt es oft in Anzeigen, in denen Bekanntschaft oder gar Beziehung gesucht wird.
Ich assoziiere bei Altlasten immer Tonnen mit schwarzen Totenköpfen auf gelbem Grund und radioaktivem Müll, die in irgendwelche Endlager versenkt werden sollen, von denen es bei weitem nicht genügend gibt. Auch für unseren emotional radioaktiven Abfall, all das, was wir aus vorhergegangenen Beziehungen mitschleppen, gibt es bei weitem weder genügend Mülltonnen noch Deponien, noch Sprache, noch Umgang damit - alles toxisch, aber wohin damit? Also- eigentlich wohin mit uns selbst? Denn - die Hölle sind immer die anderen (Jean-Paul Sartre). Die anderen sind aber auch der Stau, der Overtourism, die Klimaleugner etc. Führt an dieser Stelle vielleicht zu weit, zurück zum Thema. Die anderen- das sind wir. Das bin ich. Ich bin die andere. Die dich herausfordert. Die dich nervt. Die etwas braucht von Dir, etwas will. Bedürftig ist.
Bei aller emotional-verbalen Akrobatik, die ich oft betreiben muss, um mir selbst und meinem Zustand auf die Spur zu kommen, lande ich immer wieder dort. Bei meiner Bedürftigkeit: als Mensch und als Frau. Nicht einmal bei der Bedürftigkeit meines sog. inneren Kindes, einer therapeutischen Konstruktion, die dabei ist, in den Psycho-Mainstream einzugehen. Ich spreche von meiner Bedürftigkeit als erwachsene Frau, hier und jetzt. Die einem Beruf nachgeht, Steuern zahlt, ihr Konto einigermaßen im Gleichgewicht hält. Die Sachen auf die Kette bringt und was gebacken kriegt, die Projekte anzettelt und noch Wünsche hat. Vielleicht liegt da der Hund begraben, daß mir diese ganze verdammte Kompetenz nichts nutzt, wenn es um meine Bedürftigkeit geht. Nimm mich mal bitte in den Arm, diesen Satz habe ich nicht im Repertoire. Oder viel zu selten.
Ich winde mich wie ein Aal, um dieser ganz basalen menschlichen Bedürftigkeit so weit zu entkommen wie möglich. Ich kuratiere mein Selbst. So wie ich sinnstiftenden Hobbies nachgehe, wie dem Sauerteigbrot backen zwischen 3 und 5 Uhr früh, wenn ich mal wieder nicht schlafen kann. Mal ist es der Mond, mal sind es zu viele Gedanken, dann wieder ist es ganz klar menopausal rage. Wohin mit mir? Nicht einmal der Schlaf nimmt mich einfach so. In die Arme von Somnus zu sinken, ohne weiteres, ohne Unterbrechungen, ist schon ein Luxus geworden.
Was stelle ich ins Schaufenster, in den show-room meines Ichs? Jemanden, der bewusst mit sich und seinem Leben umgeht. Eine Frau, die ihren Gedanken und Gefühlen auf den Grund geht, die sich für etwas und gegen etwas anderes entscheiden kann. Eine Frau, die sich unkompliziert gibt, in den verschlungenen Windungen ihrer Neben- und Schachtelsätze aber nicht verbergen kann, daß sie sich oft genug in ihren eigenen Gedanken verirrt.
Die Wechseljahre. Ein Thema, angeblich lange tabuisiert, jetzt als Markt entdeckt und bereits in alle Richtungen ausgeweidet. Eine Zeit des Wandels, des Aufbruchs- die Krise als Chance. Erfinde Dich neu, am besten täglich. Der kategorische Imperativ unserer Zeit. Während mein Nervensystem aus dem Takt gerät, meine Temperaturregulation spinnt, meine Emotionen Achterbahn fahren, mein Hirn gegrillt wird und meine Schleimhäute ausdörren, frage ich mich, wo hier die Chance sein soll. Immerhin werden Texte draus:

schon in der Früh ist es heiss und staubig unter meiner Haut/ ich versteppe/ meine Flüsse trocknen/ ein das Delta verlandet. /Saharastaub legt sich gelblich über die Stadt/ Blütenstaub und Pappelblüten wie Schnee im Frühling./ am Ätna hat der Hitzeschock /die Bäume schlagartig ausgedörrt /nicht einmal zum verkohlen hatten sie Zeit /weiss und kahl ....Hitzeschock
Man muss nur die richtigen Stellschrauben drehen, dann wird das schon. Ernährung, Sport, gesunde (!) Beziehungen. Bewegung in der Natur, Pausen einlegen und jede Menge Supplements schlucken. Das hilft auf jeden Fall. Den Herstellern all dieser Produkte und der damit verbundenen Narrative. The bottom line: du kannst alles regeln, wenn Du willst. (..und ausserdem dafür bezahlst.)
Nun bin ich in der Regel eine hervorragende Reglerin alles Möglichen, von geradezu einschüchternder Tüchtigkeit, mit allen Wassern gewaschen, keine Unbill, die mir fremd ist oder mich nicht zu einer kreativen Lösung herausfordert. Wollen tue ich auch, permanent, eine ganze Menge. Bisweilen mit einer Intensität, die meine Umwelt durchaus herausfordert. Aber ist nicht genau das eher das Problem anstatt die Lösung?
Ich merke schon, daß ich so nicht rauskomme aus der Nummer. Alles in mir schreit danach, mal was abzugeben, Verantwortung, Kummer, Druck, Erinnungen, Schmerz, altes Zeug, toxische Narrative, was weiß ich. Aber wohin damit, wohin mit mir? Wer will das haben? Im Schaufenster meines kuratierten Selbst ist das das Gerümpel, das ich nach hinten schiebe, das um Himmels Willen keiner sehen soll. Wer mir ansieht, daß ich was brauche, ist weg, schneller, als ich gucken kann. Ist das wahr? Oder ist auch das nur eine Geschichte, die ich mir so oft erzählt habe, daß sie schließlich wahr klingt?
Wie kommen wir gemeinsam raus aus der Nummer, daß wir alle fehlbar, auch mal schwach, angewiesen, bedürftig sind - gleichzeitig aber tough und unabhängig sein und dabei blendend ausschauen wollen? Also, sollte da draußen jemand sein, der mich einfach so mal in den Arm nehmen will- gerne.
