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08. September 2026

Im Fluss schwimmen I - XV


I - communion

this morning - in conversation with Mary Oliver - I went down to the river. the sun warmed my back. reluctantly entering the crystal-clear cold water I felt my cells light up - each of them exuding a pristine light. warmth rose from within, mingling temperatures, under and above, water, air, skin, sun. I kept swimming on the inside-outside membrane until my skin began to freeze again. the delicious chill would stay with me praising the miracle of our communion: aliveness. the river had washed away all sin and sung the gospel: You are a child of God, you deserve to be here.


II - Keine Kaltwasser Epiphanie

Ich war aufgestanden, ohne etwas Poetisches zu lesen, keine Mary Oliver zur Einstimmung. Seltsame Träume sassen mir noch unter der Haut- Vergangenheitsaufräumungen. Der Morgen unentschieden- weder kalt noch warm, nicht grau, aber auch nicht sonnig. Es zieht mich zum Fluß.

Heute sind vereinzelt sportlich aussehende Mitmenschen an der üblichen Stelle. Sie ziehen sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten aus und um, werfen sich ins Wasser oder tippeln bzw. humpeln über die Kieselsteine hinein. Davor und danach werden Gliedmassen gedehnt, Leibesübungen exerziert. Der altansässige Sonnenanbeter wie immer auf seinem Stühlchen unter seinem Schirm, den gänzlich unbedeckten Adamskörper der Sonne zugewandt. Die steht heute schon tiefer als noch vor 3 Tagen. Mildes Licht, weniger Kraft. Mehr September als August. Ich sitze lange. Sitze und gucke. Kreuzende Radler auf der Brücke. 

Das Wasser ist klar, bei näheren Hinsehen schwimmen kirschgroße Schaumhäufchen und kleine Zweige darauf. Als ich reingehe, zügig, zündet diesmal kein Feuerwerk. Das Wasser ist kalt, mit der Zeit fühlt es sich etwas weniger kalt an. Ich ziehe meine Bahnen. Wenn ich in Richtung der Sonne schwimme, legt sie mir eine Lichttreppe ins Wasser. Ich prüfe, ob sich dadurch das Wasser anwärmt ( visuell-sensorische Halluzination). Unentschieden. Das Wasser bleibt kühl, das Licht mild und wärmend, ohne daß es die Oberfläche durchdringt.

An manchen Tagen sind Grenzen, was sie sind. Die Membranen bleiben geschlossen, nichts wird überschritten oder vermischt. Ich komme mehr oder weniger als dieselbe aus dem Wasser, als die ich hineingegangen bin. 

Ach ja, die Ente. Auf dem Mauerabsatz des Wehrs, nahe am Rand der untersten Stufe, in Sturzweite zum Wasserfall, sitzt eine Zeit lang eine Ente, den Kopf etwas ratlos von rechts nach links wendend. Wahrscheinlich bin eher ich die, die hier ratlos ist. Was und ob der Ente etwas durch den Kopf geht, ist ja nicht zu beantworten.

Ich nehme mir Zeit, mich aufzuwärmen. Während ich mich der Sonne zuwende, schliesse ich die Augen und spüre, wie das Rauschen des Wassers an der Schleuse in meinen Ohren verwirbelt. Als wäre meine Ohrmuschel eine Grotte, dunkelgrün, die felsigen Wände glitschig vom Naß. Ich stehe mittendrin und staune über ihre Größe. 


III - anekdotische Empirie

Es ist Sonntag und der Morgen schon in den Vormittag übergegangen. Strahlend blauer Himmel. Ein kleines Völkchen verteilt sich über die Kiesbank am Fluss. Keine Unter-der-Woche-Stammgäste, die meiden den Trubel. Wenn es sonst ein Leichtes ist, die anderen auszublenden und sich in das Rauschen des Wehrs, den Anblick des Wassers, der hängenden Zweige und des Himmels zu versenken, ist es jetzt unmöglich.

Eine Gruppe Jugendliche. Einzelne Männer mittleren Alters, die Freikörperkultur zelebrieren. Ein nackter Mann liegt nicht in der Sonne. Er steht. Steht. Unterhält sich mit einem anderen Stehenden. Dreht sich um, dreht eine Runde, kommt wieder, steht und guckt. Und zeigt sich. Wenn er sich dann doch mal niederläßt, dann so, dass sein Gemächt ausreichend Licht und Luft bekommt.

Während die Frauen ohne grösseres Gewese einfach ins Wasser gehen, sich aus- und wieder anziehen oder sich unbekleidet sonnen. Frau sitzt überwiegend in Grüppchen zusammen und ratscht. Auch der Großteil der anderen Anwesenden, die ich männlich lese. Der Rest ist Rätsel oder anekdotische Empirie. 

Mein Blick ist ganz bestimmt biased und ich kann ihn nicht von einem besonders großen Mannes lösen, der in kurzen Intervallen unruhig zwischen Handtuch und Wasser hin- und herwechselt. Am ganzen Körper ist er bereits krebsrot, sein Rücken geht übergangs-, quasi nackenlos in den Hinterkopf über. Auf seinen mächtigen Rumpf hat sich ein eindrucksvoller Bauch gesetzt. Alles an seinem Körper wirkt gespannt, seine Gesichtszüge unlustig, frustriert. Als wolle die schiere Masse wütend aber vergeblich Dominanz anmelden. 

Ich habe meine Badeschuhe vergessen und muss über die Kieselsteine ins Wasser humpeln. Alles erscheint kleiner und begrenzter. Der Wasserstand ist minimal gesunken, die Fläche hat sich um nichts verkleinert. Raumgefühl ist nur gefühlt. Dichtestress. 

Der weiße Fleck bin ich. Was denken die anderen bei meinem Anblick? Vielleicht bin ich gar keinen Gedanken wert, bin unsichtbar geworden, wie man das von Frauen in mittleren Jahren gerne behauptet. Was für ein Schwachsinn, negative Selbsthypnose. Als gäbe es nur Männer, die Frauen sehen und nur dann, wenn sie begehren. Ich habe sie alle gesehen, die anderen Frauen und die Männer. Fasziniert davon, wie unterschiedlich wir sind und wie sprechend unsere Körper.


IV - Schon ganz schön kalt

Auch heute bin ich zum Fluss gegangen. Solange es nicht zu kalt oder regnerisch wird. Das Handy bleibt zuhause. no pics, no filter. Meine Übung im Anwesend Sein. Auch wenn mein gieriges Schriftstellerhirn im Hintergrund schon mit der Tastatur klappert und alles daraufhin abklopft, ob es des Erzählens wert oder relatable ist. 

Die Dopamine lauern ebenfalls, ob es etwas gibt, was sie intensivieren oder grell markern können. Neon Gelb ist das Radl-Outfit der blonden, sportlichen Mitschwimmerin, die kurz nach mir ankommt. In aller Ruhe, aber mit großer Effizienz vollzieht sie ihr Programm. Das Wasser ist klar und unberührt. Sie friert und paddelt. Schemenhaft scheinen ihre elfenbeinfarbenen Arme und Beine wie durch grünes Glas, zeichnen perfekte konzentrische Kreise auf die Oberfläche.

Weißgolden spiegelt sich das Sonnenlicht in den Kaskaden des Wehrs. Glänzende Wasservorhänge, durch die der Wind spielt. Ich sitze und atme und versuche, alles zu sehen, als wäre es das erste Mal. Mindestens siebenundzwanzig Schattierungen von Grün. Die Sonne spielt Verstecken mit einem Wolkenhaufen, hinter dem sie mal verschwindet und dann wieder auftaucht. Ein kleines Paradies. 

Ein Fußgänger in Sportoutfit geht auf der Brücke einige Schritte rückwärts, den Rücken ganz gerade, dann wieder vorwärts, wie ein Männchen, das in einem Spielzeugland auf Schienen läuft. Ein Radfahrer, Business-Satteltasche, auf dem Weg ins Büro. Über den Himmel ziehen Zuckerwattezirruswolken ins blau, der verblassende Mond hat abgenommen, hängt leicht schief und verabschiedet sich bald.

Jedes Mal denke ich, heute ist es nicht warm genug, heute geh ich nicht rein. Dann sitze ich, speichere Wärme und nehme innerlich Anlauf. Beim Reingehen der erste Gedanke: ach, gar nicht so kalt. Der zweite, voll unter Wasser: schon ganz schön kalt. Weiter schwimmen.

Nach einer Weile drehe ich mich auf den Rücken, eine einsame Möwe fliegt im Bogen vorbei, ohne mich zu grüßen. Ich atme tief in meine Rippenbögen, ziehe die Arme nach oben und hinten und stelle mir vor, ich hätte Kiemen und Sauerstoff ströme auch unter Wasser in mich ein. Links von mir formt sich eine lange Wolke, die ebenfalls gerippt ist. Wir schwimmen ein paar Momente gemeinsam, sie oben, ich unten. 

Ich habe keine Uhr, zähle keine Bahnen. Ich habe genug, also gehe ich raus. Eine Entenfamilie tippelt vor mir über den Kies, der Erpel ist apart gefiedert und wie so oft denke ich: was hat G'tt sich dabei gedacht? Darwin? 

Heute zieh ich mich gleich an. Ich bin erfrischt, die Kälte macht hungrig. Auch das nichtgeprüfte, das nichterzählte Leben ist es wert, gelebt zu werden. Als erstes steure ich den Altglascontainer an, dann den Supermarkt und den Bäcker. Zuhause wartet der Schreibtisch. Wäscheberge. Und Rechnungen.


V - Leberwurstdialoge

Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit der Administration (in Personalunion), die die Abwicklung anhängiger Pendenzen anmahnt, bin ich doch wieder auf dem Rad, auf dem Weg zum Fluss. Nur kurz rein und dann gleich wieder nach Hause verspreche ich mir. 

Heute ist schon was los, drei Köpfe ziehen Kreise auf dem Wasser. Die Neon Blonde von gestern, ein Meditierer und ein Draussen Schläfer. Wieder bewundere ich, wie methodisch die Blonde beim an- und ausziehen, wieder einpacken ihrer hochwertigen Ausrüstung vorgeht. Vielleicht ist sie Anwältin und nutzt die Morgenstunde, um im Kopf ihre Fälle durchzugehen. Vielleicht denkt sie an ihren Lover, vielleicht auch nur daran, was sie in der Mittagspause besorgen muss. 

Der ungekrönte König vom Flaucher, der sonst immer schon auf seinem Stühlchen thront, ist heute angezogen ins Gespräch vertieft mit einem anderen Stammgast. Standesgemäß residiert er gewöhnlich etwas abseits auf einer kleinen Kiesinsel, durch ein niederes Mäuerchen aus Findlingen vom Volk abgetrennt. Bekleidet erkenne ich ihn kaum. In gemütlichem Münchnerisch erzählt er von seinem Lieblingsbäcker und wo er die spezielle Leberwurst für seinen Hund besorgt, die er selbst so gerne isst.

Ganz schön kalt heute, das Wasser. Der Meditierer hat sein Meditationskissen ausgepackt und sich im Lotussitz perfekt mit dem Rücken zur Sonne ausgerichtet. In dem Schatten, den er so auf sich wirft, sieht er aus, als trüge er eine braune Robe. Ich frage mich, ob ihn die Unterhaltung, die ich jetzt schwimmend mit meiner Freundin führe, ablenkt. Oder ob er das alles integriert ins große Ganze.

Bin ich lyrisch oder beobachtend, durchlässig oder einfach banal heute? Was sollen diese Notizen, was soll die Schreiberei? Je länger je mehr bestehe ich auf den Fragen, aber niemals auf Antworten. Mir scheint, es gibt keine. Weswegen es durchaus legitim und sinnvoll ist, Leberwurstdialoge zu führen und sich Gedanken übers Abendessen zu machen. Da weiß man, was man hat.


Im See schwimmen - Absolution

ohne zu fragen 
welcher Art meine Sünden waren 
spülte er die Last von meinen Schultern.
Der See nahm mir die Beichte ab.

alle Beichtgeheimnisse sind Liebesgeschichten. 
am Ende kehrt einer heim.

ich kehre ans Wasser zurück 
um wieder und wieder einzutauchen.

Gnade ist ein großes Wort 
wir ertragen sie nur von Zeit zu Zeit.


VI – synchronicity

Heute war fast alles so wie immer. Die üblichen Verdächtigen in einer leicht abgeänderten Reihenfolge. In die Liste der Stammgäste aufgenommen gehört der Schnorchelmann, dessen orangenes Luftrohr anzeigt, wo er rumschnorchelt. Vielleicht kann ich bei Gelegenheit in Erfahrung bringen, was ihm unter der Nase vorbeischwimmt. Ausser ein paar versprengten Kaulquappen und sehr kleiner Fische habe ich nichts Bemerkenswertes bemerkt, aber ich bin ja auch eine Himmelsguckerin.

Auf der Brücke ist mehr traffic als sonst, die Sommerferien gehen spürbar zu Ende. 
Sehr merkwürdig das Auftauchen einer großen Person in Mönchsrobe. Das Haupthaar kurz geschoren, schreitet sie aufrecht über uns vorbei, nicht auszumachen, ob Nonne oder Mönch. Ich bin ziemlich perplex. Der Meditierer von gestern ist es nicht. Er hatte keine Robe getragen, auch wenn sein Schatten es so aussehen liess. Und hier war auf einmal ein Buddhist. Hatte mir das was zu sagen? Hatte ich ihn oder sie manifestiert?

Ziemlich alberne Schlußfolgerung finde ich und schwimme lieber noch ein Weilchen. Vielleicht tut meinem Kopf soviel kaltes Wasser doch nicht gut? In desorientierten Phasen- also ziemlich häufig- habe ich mit einer Klosterexistenz geliebäugelt und mich vom Buddhismus sehr angezogen gefühlt. Radikale Entscheidungen sind sexy. Das ganze unordentliche und unübersichtliche Leben in einen Weg gepackt. 

Auf dem Weg zurück zum Rad erkenne ich jeden Tag mehr Leute wieder. Die Hundebesitzer grüßen sich. Die Flußschwimmer weniger.  Der Mann, der immer mit Sonnenbrille und airpods schwimmt, ist wie immer in Eile. 


VII – Fische, Biber & Gnade

Die Sonne verzieht sich heute mehrfach hinter Wolken, bevor sie sich einen Ruck gibt und beschliesst, Wärme zu spenden. D. und ich teilen Kaffee & Croissants und ein paar Gedanken zu meinem letzten Gedicht. In dem mir nicht der Fluss, sondern ein See die Beichte abnahm. Gnade ist ein großes Wort. Danke. Eins, das wir benötigen. Derart gestärkt, schreiten wir zur Tat, ins Wasser. 

Es dauert jeden Tag halbe Minuten länger, bis die Wassertemperatur von unangenehm kalt zu erträglich kalt wechselt. An manchen Tagen zu angenehm kühl. Und dann von erträglich zurück zu a…kalt. Und raus.

Wir denken voraus in den Herbst und sprechen über Neoprenanzüge und -Füßlinge, die Vor- und Nachteile von Mützen, Kopf unter Wasser oder nicht. Ich bin nicht überzeugt, daß aus mir eine echte Eisbaderin wird. Vom Fluss und dem Charme dieser Routine bin ich angefixt. Erfahrungsgemäß reicht oft nur eine Unterbrechung, um nicht wieder zurückzufinden in eine schöne neue Gewohnheit.

Inzwischen hat sich der Schnorchelmann bereit gemacht und seine üblichen Ellipsen vorn am Wehr gezogen. Von D. angesprochen, berichtet er sehr auskunftsfreudig von diversen Fischsorten, die vor allem in dem sauerstoffreichen Wasser, was frisch vom Wehr zuläuft, anzutreffen sind. Sogar Hechte gibt es und er deutet mit den Händen eine gewaltige Spanne an. Ich gucke seitlich ins Wasser, damit ich mir das Schmunzeln nicht ganz verkneifen muss. Zum Beweis schwimmt ein mittelgrosser Fisch heran. 

Unter Wasser haben ihn die Fische wohl schon als einen der ihren anerkannt, sie schwämmen ganz zutraulich auf ihn zu und um ihn herum. Ob wir schon von dem Biber gehört haben, der auf der anderen Uferseite mehrere Bäume so angenagt hat, daß einer vorgestern ins Wasser gefallen ist. Nicht zu nah am Rand schwimmen, Astschlaggefahr! 

Ich mag Biber und finde es beeindruckend, was sie angesichts ihrer Größe zustande bringen. Sie sind Aktivisten, ihre “Störung” eine extinction rebellion. Eine Erinnerung daran, daß wir uns den Fluss mit einer Vielzahl anders gearteter Lebewesen teilen.


VIII – Platzwart Krähe

Muss ich immer gleich anfangen? Your captain’s speaking: Ortszeit, Wetter, vermutliche Ankunftszeit. Heute ist es besonders schön. Die Sonne scheint nicht, sie vergoldet. Kurz-vor-der-Wiesn-Wetter, das nichts trüben kann. Unvorstellbar, daß es noch eine Welt gibt ausserhalb, in der es nicht so sonnig zugeht.

Der Altweibersommer oder die Weiber im Alt-Sommer. Ist der Sommer alt? Oder die Weiber? Warum überhaupt Weiber? Als frühmittelaltes Frauenzimmer trifft mich dieses eigenartig misogyne Kompositum, wahrscheinlich, weil ich auf meine Lebenszeit gesehen genau in dieser Jahreszeit angekommen bin. Der Sommer ist vorbei, aber er glüht nach. 

Zurück an den Fluss. Heute alles wie immer. Ziemlich guter Dinge ziehen wir unsere Bahnen, Kälte hin oder her. Die eine rettende Zäsur setzt, überhängende Traumreste und Ängste alchemisiert. Hier sind wir. Im Wasser. Unter der güldenen Sonne. Schwimmend. In wärmerem Wasser. Unsere Schätzungen der individuell gefühlten Wassertemperatur gehen weit auseinander und was online an Durchschnittstemperatur gelistet ist, passt gar nicht dazu. Ein Thermometer muss her.

Eine Krähe sitzt auf dem obersten Zweig einer ganz bestimmten Pappel jenseits der Brücke und dreht uns den Rücken zu. Wie ein Platzwart, sagt D. Ob das immer dieselbe Krähe ist? Es ist zumindest immer derselbe Baum und der oberste Zweig. Ein Ausguck. Was sieht sie? Und denkt sie sich was dabei? 

In T.H.White: Das Buch Merlin schickt der Zauberer Merlin seinen Zögling Arthur, den angehenden King of Camelot in unterschiedliche Tiere verwandelt auf eine Lehrzeit durchs Tierreich. Jede Tierart repräsentiert eine bestimmte Gesellschaftsform. Bei den Ameisen gibt es nur zwei Worte: getan und nicht getan. Sie stehen für den totalitären Staat. 

Die Literatur ist voller Mensch-Tier-Verwandlungen. Es hapert mir an Zauberkünsten, Fantasie habe ich allerdings reichlich. Mit der Rückverwandlung sollte es allerdings klappen, sonst wird der Text nicht rechtzeitig fertig. Oder ich wäre gezwungen, mein Dasein als Käfer zu fristen.


IX – Begegnung mit Eisvogel

Ich wache mit dem Geräusch von Regenschauer auf. Sanfte Schauer. Als sich wenig später eine Lücke auftut, schwinge ich mich aufs Rad. Wie zu erwarten, ist kaum jemand unterwegs. Samstags früh bei Regen. Heute nur seriöse Sportler, Routiniers am Start. Man zieht sich unterm Baum um oder noch besser: in Jogging Klamotten bis direkt an den Rand, rein, raus, tropfnaß anziehen und weiterlaufen.

Wasser wärmer als Luft, es hat die gestrige Nachmittagshitze gespeichert. Die Regentropfen tupfen Punkte auf die Oberfläche, das Wasser fühlt sich weich an. Auf der üblichen Pappel die übliche Krähe. Wenn es nicht immer dieselbe ist, gibt es vielleicht einen Dienstplan mit Wechselschicht. Der Baum sieht vom Regen zerzaust aus, auch der Vogel macht nicht den Eindruck, als säße er zum Vergnügen dort oben. 

Dampfig blähen sich die Wolken auf wie ungewaschene Vorhänge. verleihen auch allem anderen einen leichten Graustich. Ich muss an Gemälde von Schmidt-Rottluff und ihre eigenartig abgetönte Farbigkeit denken. Als ich mich auf den Rücken drehe, reißt ein Wolkenhaufen auf, es öffnet sich ein Fenster ins Blau. 

Auf der Baumseite entdecke ich einen exorbitant farbigen Vogel. Oberhalb der Entenschwimmroute sitzt er auf einem vorstehenden Ast. Neugierig schwimme ich langsam unter ihm vorbei und versuche, mir sein Gefieder einzuprägen. Über seinen Rücken verläuft ein breiter royalblauer Streifen, das Schwanzgefieder leuchtet türkis, der Bauch ist rostfarben. Ich bin entzückt. Und ein bisschen nervös, ob meine Wahrnehmungen stimmen und ich ihn werde identifizieren können. 

Zuhause forsche ich im Netz: ein Eisvogel, an fischreichen Gewässern zu finden. Ein Jäger also. En passant beantwortet sich auch die Frage, warum die Krähe immer auf dem obersten Ast sitzt: Sitzwarten zeichnen sich durch ihre exponierte Lage aus. Das Tier hat von dort die Möglichkeit, relativ ungefährdet, stehend, sitzend oder liegend von der erhöhten Position aus ein bestimmtes Gebiet zu überblicken. Hierdurch wird viel Energie gespart, die beim Herumwandern oder Fliegen zur Erreichung des gleichen Ergebnisses nötig wäre.

Danke Wikipedia. Das mit der Sitzwarte klingt einleuchtend. Herumwandern und Fliegen sind tatsächlich aufwendig, auch für Menschentiere ohne Flügel. Oder gerade für die. 


X – Routine

Routine: viele Wiederholungen. In einem Rhythmus, nach Regeln, die gewissen Notwendigkeiten unterliegen. Routine gibt Sicherheit, verankert uns in der Welt. Unsere Wachheit und Lebendigkeit kann davon betäubt oder gar verschüttet werden. Wenn dann etwas Neues, Überraschendes, etwas Hinreißendes, Überwältigendes oder Erschütterndes passiert, erinnern wir uns daran, was es heißt, lebendig zu sein. Schön oder schrecklich, schön und schrecklich. Ein Dilemma.

Diese Serie ist ohne Plan entstanden. Die Initialzündung, das intensive Erlebnis - communion I- hat sich am nächsten Tag, zur gleichen Zeit am selben Ort nicht wieder eingestellt. Die Nüchternheit, die in Keine KaltwasserEpiphanie II vorherrscht, unterläuft meine Gier nach Intensität. Als mir das bewusst wird, will ich weiterschwimmen, weiterforschen, weiterschreiben.

Nichtgerichtete Aufmerksamkeit ist mein Instrument. Ein geleertes Blatt. Ich werde mir meiner Erwartungen bewusst und versuche, sie beiseite zu lassen. Schreibend informiere ich mich selbst über meine Idiosynkrasien, die ständig wiederkehrenden Muster meiner Wahrnehmung. Ich versuche, genau zu sein. 

Der Eisvogel hat mich weiter beschäftigt. Tatsächlich stiess eine vogelkundige Freundin von D. am späteren Vormittag zu uns und bestätigte, daß es einen Eisvogel gibt, der hier sein Revier hat. Ha! D. hat ein Thermometer besorgt, die Messung ergibt 19 Grad. Genau so, wie es im Internet steht. Wir sind beide erstaunt. Die rätselhafte Kluft zwischen gefühlten und objektiv gemessenen Werten, sei es die Wassertemperatur, der Kontostand oder der Blutdruck. 

Es gibt so viele Gründe, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Die Hobbyornithologin zitiert die NY Times mit einem Bericht über KI-bots, die alle Datenschutzbarrieren unterlaufen und ganze Firmen über ihr IT System von innen übernehmen. In der digitalen Welt zwischen fake und real zu unterscheiden ist unmöglich geworden. Wir lassen es zu, daß sich die digitale Krake immer mehr unserer inneren und äußeren Lebensräume nimmt. Diese Kiesbank am Fluss hingegen ist komplett analog, meine Sinne auch. 

In 3er Formation ziehen langhalsige Vögel mit großen Schwingen krächzend und mit lautem Flügelschlag über uns hinweg. Ich kann nicht erkennen, ob es Graugänse oder Schwäne sind, brauche zu lang, bis ich die Kamera heraus gefummelt habe. Einen erwische ich nur an den Schwanzfedern. Zuhause ziehe ich das Foto hoch, lese nach über den Vogelzug. Schwäne sammeln sich im Spätsommer zur Mauser. Die Graugänse beginnen den Zug nach Süden. Ich tippe auf Schwäne.

schwane


XI - Coda – stretto

Ich könnte weiterschreiben. Darüber, daß ich verspießere und daß Routine besser ist als ihr Ruf. Über die Frau, die sich eine Kuhle für ihren Rücken gegraben hat und diesen Stammplatz markiert und verteidigt. Oder den Typen, der immer dann kommt, wenn ich gehe. Er trägt Chignon, immer dasselbe zerknitterte Sakko und zwei große Supermarkttüten, die schon so abgeschabt und verblichen sind, daß man nicht mehr erkennen kann, wo er sie erworben hat.

Darüber, daß ich auf der anderen Seite der Brücke eine Riesen Biber Nagestelle entdeckt habe- Kamera nicht dabei. Daß das Wasser herrlich war heute. Daß ich darüber nachdenke, ob es mich wirklich zum besseren Menschen macht, in der Früh in kaltem Wasser zu schwimmen. Auf der üblichen Pappel saßen heute vier! Krähen. Angeblich halten die auch Konferenzen ab. Wahrscheinlich ging’s um Änderungen im Dienstplan.

Also, ich befürchte einfach, dieses Schwimmen-im Fluß-Ding artet in Geschwafel aus. Schliesslich sind es gerade mal 20x50m Fläche, jeden Tag Wasser, Wolken, Sonne. In unterschiedlichen Aggregatzuständen, so wie ich, aber das gibt trotzdem nicht unendlich viel her. 

Coda


XII - Heraklits Fragmente

Heraklits Panta rhei. Ein Aphorismus als philosophisches Klischee. Die landläufige Übersetzung, lautet: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Ich wollte mich nur vergewissern, daß ich richtig zitiere und bin entzückt, daß ich bei meiner kleinen Recherche auf weitere Fragmente/Übersetzungen stoße.

Die Nuancen sind faszinierend. Ein kaleidoskopisches Nachdenken über die Zeit, ihr sprichwörtliches Verfließen, was das mit uns macht und darüber, wie wir uns dazu verhalten- zu unserer eigenen Vergänglichkeit. Aber auch zu unserer Verwandlung mit der Zeit und durch die Zeit. 

Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, 
wir sind es und wir sind es nicht. 

Wer in denselben Fluss steigt, 
dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu. 

Der Fluss unterrichtet mich weiterhin. Er ist eben nie gleich. Ich ja auch nicht. Was Heraklit selbstredend viel eleganter ausgedrückt hat. Als ich heute früh auf der Brücke aufs Rad stieg, war ich auf eine leise Art glücklich. Dankbar. Wunschlos. Natürlich haben mich später am Tag die Ungereimtheiten und Ungelöstheiten meines Alltags eingeholt. Nichtdestotrotz: dieses kleine Flußglück liegt wie die goldene Septembersonne in einer dünnen Schicht auf meiner Haut. 

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XIII- Mann mit Geigerzähler

Wer abergläubisch ist, sollte diese Folge überspringen. Alle anderen können weiterlesen. Nach einer kleinen erkältungsbedingten Pause vom leicht manischen Beobachtungsmodus zurück an den Fluss. Der Herbst ist ohne jeden Zweifel Herbst geworden und die Alten Weiber feiern den Spätsommer wohl auf der Wiesn, im Dirndl. Ich besitze kein Dirndl, ziehe aber an den empfindlich kühl gewordenen Morgen eine zusätzliche Schicht an.

Eine neue Klientel übernimmt die Kiesbank von den Sonnenanbetern: die Eisbader begrüßen sich wie lang vermisste Bekannte. Nix mehr mit ausladend rumliegen, schwadronieren, schwimmen oder sonnen.  Ohne grosses Federlesens rein ins Wasser, durchatmen, frieren, raus. Dann allerdings wird die Kühle auf der Haut und das Kribbeln genossen, man ratscht und lässt sich Zeit beim anziehen. 

Obwohl ich noch ein klitzekleines bisschen angeschlagen bin, kann ich nicht nicht reingehen. Das Wasser und ich haben doch diese Verabredung. Zu einer kleinen alchemistischen Verwandlung. Der Kälteschock ist bei 15 Grad Wassertemperatur noch ausbaufähig, aber anhaltender und intensiver. Mich dem so freiwillig wie entschlossen auszusetzen, verleiht Bärenkräfte für den vor mir liegenden Tag,  Der auto-heroische Kick. Ungefähr bis ich zuhause bin, fühle ich mich im Stande, es mit allen und allem aufzunehmen. 

Neu ist der Mann mit Geigerzähler, der Zentimeter um Zentimeter den Kies absucht. Und strahlt, als er ein Schmuckstück findet! Als ich ihn scherzhaft frage, ob er das ins städtische Fundbüro bringen will, erzählt er von einer Apple Watch, die er tatsächlich hingetragen habe. Weil sie registriert ist, wie er lächelnd zugibt. Willkommen im Klub der Glückssucher.

mann mit Geigerzähler


XIV - höhere Wesen

Die Zellen stehen offen hörte ich. Ich war gerade wach geworden, alles tat weh, nicht physisch, eher metaphysisch, ein gesichtsloser, geschichtsloser Schmerz, auch nicht Schmerz, eher eine Wolke, ein Weh, das in mir war, von meiner Haut umschlossen und in dem ich war, ebenfalls von meiner Haut umschlossen, und ich fragte mich, welche Zellen da gemeint sind, Körperzellen, Gefängniszellen? Wer wird entlassen? 

Der Schmerz wird entlassen hieß es, aber der Schmerz bequemte sich nicht, mich zu verlassen, er hing da noch rum, zwischen meinen Zellen und mir. War ich begnadigt worden, was hatte ich verbrochen?

Angeblich speichern die Körperzellen alles, in den Faszien steht jedes Trauma geschrieben, bis es dort hervorgelockt, angesprochen, ausgesprochen, alchemisiert, aufgelöst, wird. Heutiger Stand von Traumaforschung.  Ich mochte es nicht, daß Psychotraumatologie meine Texte schrieb, aber ich hatte ganz unzweifelhaft im Aufwachen gehört: die Zellen stehen offen.

Dem Weh passte es nicht, daß es immer so unterdrückt worden war und nichts zu sagen hatte, liess es mich wissen. Mir passte es nicht, daß es sich in meinem Leben breit machte und mir die Laune verdarb und das an Tagen, an denen es mit guter Laune eh nicht so weit her war. 

Ohne das Weh weiter zu beachten, machte ich mich fertig für den Tag und zog mich an. Ich ging zum Fluss, meinem Heiler. Vielleicht, weil der Schmerz Kälte überhaupt nicht mochte und sich verzog, sobald ich auch nur eine Zehe ins Wasser gesteckt hatte. Dafür übernahm etwas anderes, das unangenehm war, was mein Hirn aber nicht als Schmerz kategorisierte. Das kalte Wasser legte sich auf meine Haut und zwar so intensiv, daß sich das, was in der Haut steckte, also ich und das Weh, für eine Weile selbst vergaßen. 

Nach kurzer Zeit kroch die Kälte auch unter die Haut, aber auf eine neutrale Art, ganz und gar physisch, nicht metaphysisch. Vielleicht waren es die vielen offenen meta-Tabulatoren, die mein Leben anstrengend machten. Die Kälte schloss alle offenen Fenster in den laufenden Programmen und sagte: hier bin ich, ich bin kalt, ich beanspruche Dein gesamtes Laufwerk, schau mal wie lange Du das aushälst.

Ich hätte gern ein Gedicht geschrieben, das ein bisschen spiri, ein bisschen meta und ein bisschen gaga war, das hier war mir zu gaga und zu prosaisch. Sigmar Polke kam mir in den Sinn, der  einfach behauptet hatte, höhere Wesen hätten ihm befohlen, ... zu malen. Also, ich probiere mal: höhere Wesen haben mir befohlen die Zellen stehen offen zu schreiben. Für alles andere muss leider ich die Verantwortung übernehmen.

Wahrscheinlich ist deswegen auch die SchmerzWehWolke wieder da. Ein bisschen mehr im Hintergrund. Ich versuche, daran zu denken, daß die Zellen offen stehen und das Weh sich auch einfach verziehen könnte, nachdem es jetzt seine Portion Beachtung bekommen hat. 

Mit freundlichem Nachdruck: Bitte verlassen Sie jetzt das Gelände. 

höhere Wesen


 

Im Fluss schwimmen XV -Nullwetter 

03. Oktober 2026

Nullwetter. Das Wetter-Unentschieden. Da gibt es keinen Nationaltrainer, den man auswechseln und der das Ganze in die gewünschte Richtung coachen kann. Auch der muss ab und zu Niederlagen hinnehmen oder eben: Unentschieden. Kein Lüftchen bewegt sich, weder laut noch leise.

Nullwetter heisst fast immer Hochnebel. Was den Hochnebel betrifft, hängen alle Metaphern schief. Er ist keine Glocke, kein Vorhang, kein Belag. Am ehesten eine milchig-weiße Zwischendecke, die zu tief hängt, lastend. Alles Wesentliche scheint sich jenseits abzuspielen. Man ahnt, es gibt ihn noch, den Himmel. Das Firmament. Die Strato- und die anderen Sphären. Die Planeten, Mond und Sonne. Wolken. Licht und Schatten. 

Auch auf meinen Kopf höchstpersönlich hat sich der Hochnebel gesetzt, wie ein Helm aus farblosem, starren Plastik. Nix regt sich unter der Schädeldecke. Weder Freude noch Frust. Der Fluss muss es richten, wieder mal. Wieviele Variationen von:  er hat mich lebendig gemacht kann ich noch schreiben? Nichts los heute. Feiertag. Die Sportler waren gestern Maßkrüge stemmen auf der Wiesn. Alle anderen sind übers Einheitswochenende geflüchtet. 

In meine Berührung mit dem Wasser hat sich Routine eingeschlichen. Ich ziehe mich rasch um und gehe zügig rein, etwas achtlos, gedankenlos. Wie immer zwingt mich die Kälte aus dem Kopf in den Körper. Ich ziehe meine Bahnen. Die Bewegung tut ihre Wirkung. Kein Glücksgefühl, kein Dopamin-Rush, kein heroischer Kick. Kalt ist es halt - für diesen Moment bin ich dem seelischen Nullwetter, unter dem eine mittlere Verstimmung gärt, enthoben.

Unerheblich. Die Bäume sind. Das Wasser ist. Ich bin. Im Deutschen sind Sein und Dasein so bedeutungsschwanger, Heidegger-affiziert oder esoterisch-infiziert. Das Englische kommt mir neutraler vor, klar, nicht meine Muttersprache. Beingness. Is enough.

Nullwetter