Venezia...bella, brutta, unica, magica
Der Sound von Venedig: die aufheulenden Dieselmotoren der Vaporetti beim Anlegen, Bremsen, Losfahren. Möwenschreie, polyphones Glockengeläut am Sonntagmorgen. Nachts rollige Katzen auf dem Dach. Das perfide Surren der Schnaken vor dem Einschlafen (meine Kratzgeräusche auf der Haut!). Klirren von Eiswürfeln im Spritz, das tiefe Tuten der großen Schiffe, die mit kleinen Schleppern aus dem Giudecca Canal geleitet werden. Das nervösere Motorenrauschen von Wasserpolizei und ambulancia. Der Wind in den alten Bäumen auf der Toteninsel. Hämmern und Schleifen in den Werkstätten auf der Giudecca. Zurufe vom Ufer aufs Boot.
Der Barista, der den Siebträger ausschlägt, das Einrasten, wenn er ihn in die macchina eindreht. Mürrische, wortkarge Begrüßungen beim ersten caffè al banco in der Früh..angeregteres Plaudern am späteren Vormittag, beim pranzo. Der Bootsmann, der die Linie ansagt. Sonnenschirme, die auf- oder zugeklappt werden. Kinderschreie am Lido, der Ghettoblaster in der Strandbar. Meine Schritte auf einer der Holzbrücken. Im "La Fenice" derzeit nur Kammermusik, ansonsten Vivaldis "Jahreszeiten" in historischen Kostümen, Touri-Nepp- Konzerte.
Der Himmel und die Wolken, die mit dem Licht jeden Tag ein neues Stück aufführen..die Stimmungen wechselnd mit dem Stand der Sonne von strahlend zu matt zu blaugrau, das Licht in der Früh ganz hart, Schlagschatten, dann in der Abenddämmerung Blautöne, die langsam über Orange ins Rosa, dann ins dunklere Rot und sattes Gold changieren. Die Eindrücke überwältigen. Bald habe ich genug und flüchte mich stundenweise ins abgedunkelte Zimmer. Wenn ich nach der Siesta zur Abendrunde aufbreche, bin ich erneut hingerissen und kann mich nicht sattsehen.
Warum immer wieder Venedig? Ich weiss es nicht. Vielleicht, weil es eine so unmögliche, utopische Stadt ist. Ein feindlicher, abgetrotzter Lebensort, Stein und Holz auf Wasser schwimmend. Kein Weg direkt oder gerade. Schönheit, Verfall, Morbidezza. Neues Geld, altes Geld. Schichten, Geschichten, Geschichte an jedem Stein, an jeder Ecke.

Kinder auf dem Weg zur Schule (im Vaporetto), die Müllabfuhr, das Ambulanzboot. Ein Markt. Ein Haushaltswarenladen, der von Unterhosen über Nagellack, Haarfärbemittel bis zu Einweckgläsern alles führt. Tante Emmas letztes Refugium. Ein Buchhändler formuliert es so: einfacher, in der Stadt Murano Glas aus chinesischer Herstellung oder Souvenir Scheußlichkeiten zu finden als eine Scheibe Schinken oder einen Bäcker. Die Einheimischen sind am Einkaufstrolley zu erkennen: weite Wege zu gehen, viele Stufen zu überwinden.
Truman Capote :“Venice is like eating an entire box of chocolate liqueurs in one go.” Da ist was dran. Von allem etwas zuviel. Zuviel Süße, Grandezza, Kitsch, Kulisse, Bling-Bling, schöner Schein. Die touristischen "highways", deren Aura schmutzig, erloschen, leer ist. Ein Schritt daneben eine Gasse, die mit irgendeiner skurrilen Schönheit aufwartet. Noch ist Venedig relativ leer. In all den Bemerkungen, daß gerade jetzt die ideale Zeit sei, dorthin zu reisen, zeigt sich, wie gespalten wir mit unserem Tourist Sein immer noch umgehen: wir hätten es gerne leer, sollen die anderen doch noch ein bisschen zuhause bleiben.
Wer sich für was besseres hält, bezeichnet sich als Reisende*r..oder Gast. Ein Eindringling ist man allemal, aber einer, auf den die Stadt angewiesen ist.