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Überblendungen - I am large, I contain multitudes.

07. Juni 2025

Es war der Morgen, als ich zur Beerdigung meiner Patentante Heide aufbrach. Sie war eine enge Freundin meiner Mutter Marlies gewesen. Es würde Familie da sein, viele Menschen, die mich von klein auf gekannt hatten und noch länger: meine Mutter.

Ich schaute prüfend in den Spiegel und musste feststellen, daß sie, Marlies, mir daraus entgegen sah. Als wolle sie nochmal sichtbar werden, präsent sein, sich in Erinnerung bringen. Erstaunlicherweise trug ich es mit Fassung, es erschien mir eine logische Folge des Generationswechsels zu sein, der sich mit diesem Abschied vollzog. Von uns vier Schwestern war ich diejenige, die meiner Mutter äußerlich am meisten ähnelte. Charakterlich möglicherweise auch, aber darüber wollte ich nicht länger nachdenken, der Tag würde schwierig genug werden.

Das Frühjahr war von Krankheit, Ängsten und Abschied gefärbt gewesen. In mir hatte sich- eine Mischung aus Fatalismus und Neugier- die Bereitschaft eingestellt, diese Klippe zu nehmen: eine Generation nach vorn zu rücken, meinem eigenen Altern und unserer Sterblichkeit möglichst unerschrocken ins Auge zu blicken. Meine Augen hielt ich dabei weit aufgerissen: wenn ich diese Schwelle schon überschreiten musste, sollte mir dabei nichts entgehen.

Auf dem Parkplatz vor der Kirche trafen nach und nach zahlreiche von weit her angereiste Gäste zur Trauerfeier ein. Ich hörte es mehr als einmal: wie sehr Du Deiner Mutter ähnelst. Ich schaute mir dabei zu, wie ich dazu lächelte und nickte. Sie hatten meine Mutter gemocht und in guter Erinnerung- was war dagegen zu sagen?

Noch viel öfter an diesem Tag schienen die Zeiten, die Erinnerungen und die Gesichter zu einem Kontinuum zu verschwimmen. Wenn ich in die Gesichter meiner Geschwister und der Söhne meiner Patentante sah, mit denen ich ebenfalls einen beträchtlichen Teil meiner Kindheit verbracht hatte, war alles gleichzeitig anwesend: der kühle Frühlingstag im Jahr 2025, die Etappen unseres Erwachsen Werdens und die Tage, die wir als Kinder miteinander verbracht hatten. 

Ich fragte mich, ob ich die geworden war, die ich damals hatte sein wollen. Der Gottesdienst nahm seinen Lauf und verhinderte, daß ich der Frage auf den Grund gehen konnte. Ich war jedenfalls eine ziemlich andere geworden, anders wohl, als man es von mir erwartet hatte. 

Während der Pfarrer den Lebensweg meiner Patentante wiedergab, der starke Parallelen zum Leben meiner Mutter aufwies, zählte ich die Köpfe der Kinder und Kindeskinder und stellte mir meine eigene Trauerfeier vor, auf der keine Nachkommen anwesend sein würden. Nach den Regeln dieser Generation hatte ich nichts geleistet, was meine Lebensspanne überdauern würde. Kein Haus gebaut, keine Kinder geboren. Konzerte gegeben, Gedichte geschrieben, gereist. Gone with the wind.

Worum trauerte ich? Irgendwie war ich entschlossen, an diesem Tag tapfer und stabil zu sein, etwas, das mir selten gelungen war. Also wischte ich die aufkommende Leere in der Herzgegend weg und holte ein neutraleres Gefühl des Dennoch-einverstanden-seins her. 

Zum Einzug hatte ich die “Abendandacht” von Johann Philipp Krieger gesungen, die letzte Textzeile lautete: Drum nenn ich dich mein Heil und Licht und sag in solcher Zuversicht ein unbetrognes Amen. Ich wollte ein tatsächlich unbetrognes Amen sagen. Eine Zustimmung geben, die den darin enthaltenen Schmerz nicht ausblendet und unterdrückt, sondern bewusst einschließt. 

Während das Frühjahr weiter voranschritt und alles erblühte, wuchs auch mein Haupthaar, ein charakteristische Welle machte sich an meiner Stirn breit. Vor ein paar Tagen hatte ich beim Blick in den Spiegel wieder das unbestimmte Gefühl, eine andere schaue mir entgegen. Beim schärfer stellen stand mir auf einmal das Foto einer Tante vor Augen. Elisabeth, die Älteste der mütterlichen Geschwisterreihe. 

Die hohe Stirn mit der Welle dahinter, die das schmale Gesicht verlängerte. Schüchternes Lächeln, eine magere, aufgeschossene Vierzehnjährige, die Schultern hochgezogen, die Arme ängstlich an den Oberkörper gepresst. Ich hatte Tante Elisabeth nie kennengelernt, sie war lange vor meiner Geburt an den Folgen einer Verletzung gestorben, die sie 1946 durch eine herumliegende Handgranate erlitten hatte. Kinder hatten damit gespielt und unwissentlich den Zünder ausgelöst.

In den Erzählungen meiner Mutter erschien sie als alles, was meine Mutter nicht war: klug, hübsch, blond, der Augapfel meines Großvaters und die Lieblingstochter meiner Großmutter. Oma Lisbeth, gleichen Namens, verstummte und versank nach dem tragischen Tod ihrer Ältesten in lange Trauer, bis eines der jüngeren Kinder eines Tages verlangte, sie solle endlich die schwarze Kleidung ablegen.

Viel mehr als ein paar vergilbte Fotos ist von Elisabeth nicht geblieben, nur die Projektion und die kindliche Eifersucht, die sie bei meiner Mutter ausgelöst hatte. Trotzdem schien sie nochmal einen Gruß senden zu wollen. Sie war schemenhaft fern und fremd und sie war mir nah in ihrem Abgelehntwerden aus Neid. Viel mehr als ein Versprechen auf die Zukunft zu sein, hatte ihr ihr kurzes Leben nicht vergönnt. 

Worum trauere ich? Eine Passage aus Uwe Timms “Am Beispiel meines Bruders” fällt mir wieder ein. Timm war auf den Spuren seines gefallenen älteren Bruders viele Jahrzehnte nach dessen Tod in die Gegend um Stalingrad gereist. Erschüttert erlebt er dort eines Morgens genau diese Überblendung der Gesichter beim Blick in den Spiegel: sein Bruder schaut ihm entgegen.

Vielleicht sind meine Überblendungen nur ein Echo dieser Szene. Vielleicht hat sie deshalb nachhaltigen Eindruck auf mich hinterlassen, weil sie wahr ist. Wir sind viele. Auch die, die uns vorausgegangen sind. Ihr ungelebtes Leben, das in uns unruhig bleibt, bis wir es einmal zumindest gesehen und anerkannt haben. Unser Leben eine verschlungene Erzählung mit vielen Strängen, von denen die meisten unsichtbar bleiben. 

Am Tag nach Elisabeths “Besuch” hänge ich mich ans Telefon, um unbedingt ganz kurzfristig einen Friseurtermin auszumachen. Die Welle fällt. Ab und an muss man den Geistern die Haare abschneiden, bevor sie sich im eigenen Leben zu breit machen. 

Do I contradict myself? Very well then I contradict myself (I am large, I contain multitudes.) Walt Whitman. Ich bin viele und die, die gerade im Werden ist, kenne ich noch nicht.