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Landregen

30. April 2025

Die Luft ist frisch gewaschen, der lang ersehnte Regen über Nacht endlich gefallen. Zunächst nur zaghaft und spärlich, in der zweiten Nacht ergiebig. Wie Murmeln sitzen dicke Tropfen auf den nagelneuen Blättern der Funkie. Nach dem Winter völlig ohne mein Zutun wieder aus ihrem Topf aufgetaucht, hat sie sich entfaltet und ihre Blätter aufgespannt. Verlangen und Erfüllung zugleich, halten sie nun die Regentropfen wie etwas Kostbares.

Alles atmet tiefer und weiter. Die kleinen weissen Blüten des Kastanienbaums schaukeln prall und fröhlich, die Kiefer, der Haselbusch, die Buche stehen aufrechter, dehnen sich nach allen Seiten, füllen sich auf.

Beim Gang über den Waldboden vor wenigen Tagen war zu warme Luft an meinen Beinen aufgestiegen. Wüstenwind ohne Wüste, braune Tannennadeln und trockenes Reisig aufwehend. Vor den aggressiver werdenden Blüten und der unterschwelligen Wut war ich ins abgedunkelte Zimmer geflohen. Wie eine Witwe hinter schwarzen Gläsern, verlassen und bestraft, ging ich nur mit Sonnenbrille aus, atmete flach. Das Erblühen hatte ich ersehnt und gefeiert, jetzt schien es zurückzuschlagen, reizte und schwächte mich.

In immer feineren Fäden fällt der Regen immer noch sanft. Frisch und kühl hat seine Feuchtigkeit alle Anspannung in sich aufgesogen, sie in ein Empfangen und Halten verwandelt. Auch meine Atemzüge werden unwillkürlich tiefer.

Während ich die Kiefer bis in ihre Spitzen betrachte, sinkt die feuchte Luft in meine Lungenflügel, weitet die immer feiner werdenden Verästelungen der Bronchien, wie in einem Röntgenbild sehe ich ihr Geflecht. Ich bin der Baum, der Baum atmet mich. Sanft fällt der Regen weiter, hört nicht auf, meine innere Dürre zu benetzen. Köstlicher Landregen. Köstlich, zu atmen.

Auf dem Rosenstock haben sich kleine und kleinere Tropfen nebeneinander abgesetzt und bedecken die oberen Blätter ganz. Noch sind keine Blüten da, die der Regen zerrupfen kann. Barfuß gehe ich über die Wiese und begrüße den Tag.

zwei funkien