Im Fluss schwimmen XXI - Licht
Den ganzen gestrigen Tag habe ich auf der ersten Zeile meines letzten Textes herumgekaut. My goodness, Mary! Another morning and I wake with thirst for the goodness I do not have. Ich dachte darüber nach, was Mary Oliver mit goodness meinte und was ich jetzt damit meine, wenn ich sie zitiere. Ist Güte wirklich das, wonach mich dürstet? Beim Aufwachen? Und wenn nicht, warum habe ich sie dann zitiert?
Um jetzt mal meine Karten offenzulegen: ich weiß es nicht. Mehr eine vage Ahnung, wenn eine Zeile zu mir spricht. Zu etwas in mir, das von sich noch nichts weiß. Wenn man Mary Oliver eine Zeit lang liest, begegnet einem ihr Gott, auch ihr Ringen darum, das Richtige zu tun. Vorallem aber ihre Liebe zur Welt, zur Schöpfung, zu Schönheit, zu Wahrheit und der absolute Drang, all das zum Ausdruck zu bringen. Nicht verschlossen, verstrickt, gefangen zu bleiben. Dafür ist ihr nichts zu klein. Ein Grashüpfer ist der Protagonist eines ihrer berühmtesten Gedichte. And I am thinking: maybe just looking and listening is the real work. Maybe the world, without us, is the real poem.
Ich wollte heute früh nicht ans Wasser. Das Weh (siehe XIV - höhere Wesen) hat mich im Griff. Ich bin knatschig, will auf den Arm, jemanden anmotzen, nie wieder in saukaltes Wasser, wieder unter die Decke. Der Sonnenschein und die vage Hoffnung auf einen Stimmungsumschwung durch Kälte locken mich trotzdem vor die Tür.
Als ich verspätet eintreffe, sehe ich gerade ein Fabelwesen seinen Fuß heben, um ins Wasser zu gehen: ein ZweiMeter Mann mit schwarzen Füsslingen, schwarzen Handschuhen und einer knallblauen Mütze, ansonsten komplett nackt. Mein Gehirn macht rasch einen verlegenen Extra-Scan, bevor ich ihn als Schwimmer mit Ausrüstung, als Menschentier, identifiziert habe.
Der vom Biber abgetrennte Baum dient D. und mir als Rückenlehne für das immer kürzer werdende Thermoskaffeepläuschchen. Auf diese Rückseite kommen heute zwei Enten ganz nah, um sich umzuschauen und ihr Gefieder zu putzen. Ihr swimming gear ist total schick, knallfarben.
Kälteschock ist Kälteschock, eintauchen, fluchen, hin, zurück, raus. Als wir die Treppe zum Steg hochgehen, ist es wieder da. Mit jeder Pore sauge ich das Licht ein. Happy to be here.
Also ja, ich wache auf und dürste. Nach Güte, nach diesem Licht.
