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Im Fluss schwimmen XVII - Verlustangst

08. Oktober 2026

Heute früh werde ich von meinem Stammplatz vertrieben. Besser gesagt, gar nicht erst hingelassen. Ein Filmteam des ZDF ist dabei, sein Set aufzubauen und blockiert mit branchenimmanenter Wichtigkeit den Steg. Mit einem Blick, der zwischen Mitleid und Genervtsein changiert, heisst es, ich könne mir ja eine andere Stelle suchen? Das ist nicht nur unverschämt sondern auch blöd. Die Person schiebt nach: ja, ich weiß, weil alle hierhin gehen. Noch blöder. Nein, es gehen nicht alle hierhin. 

Ich trolle mich, zur nächsten Stelle. Eine Mitschwimmerin läßt Luft ab, verärgert und enttäuscht, daß man hier nicht schwimmen kann, höchstens bis zum Bauch stehen. Das verstehen die gar nicht, daß ich ins Wasser muss! ruft sie aus und hebt die Arme protestierend. Ich murmle etwas Verständnisvolles und ziehe weiter. Diese Stelle entbehrt jedweder Poesie, hier kann ich nicht bleiben.

Eine Sandbank weiter. Ein Schwimmer gegen das rauschende Wehr. Es sieht gefährlich aus, ich lasse mich nieder und sehe mich um. Die Kiesbank liegt ungeschützter, öffnet und weitet sich zum Hauptfluss. Diese Stelle hat viel mehr Strömung, ich taste mich rein, taste nach Boden, werde auf einen großen Stein geschubst und finde nach ein paar Minuten raus, wie man im Dreieck reinschwimmen, sich raustreiben lassen und wieder zurückpaddeln kann. 

Vorne am Wehr geht der Blick unter der Brücke zwischen den Pfeilern hindurch schräg nach oben auf auf ein Hochhaus, der Himmel ist blaugrau bewölkt, mitten ins Bild schiebt sich jetzt ein leuchtender Riß, Sonne von hinten. Leicht surreal. Sehr schön. Vor lauter neuen Eindrücken nehme ich das Wasser und die Kälte kaum wahr. 

Viel mehr, als ich das früher getan habe, halte ich an kleinen Gewohnheiten, Plätzen oder Dingen fest. Darunter liegt Verlustangst und der kleine Schock, wenn wieder etwas weg ist, was einmal da und vertraut war. 
Über den Satz das haben wir immer so gemacht konnte ich mich in jüngeren Jahren nur aufregen. Jetzt erregt er mein Mitgefühl und Verständnis und je länger je mehr suche ich ..was? Weder trotzig, noch aggressiv noch regressiv zu werden. Sondern den Dingen wehmütig, falls möglich anmutig ihren Lauf zu lassen.

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