Im Fluss schwimmen XVI - made of moods
Warum reden alle übers Wetter? Es dient als Platzhalter für unsere Stimmungen und ihre Rechtfertigung. Oft wissen wir nicht, warum wir schlecht geträumt haben oder mit welchem Fuß wir aufgestanden sind. So ganz genau wollen wir es auch nicht wissen. Aufs Wetter schieben geht immer. Tiefer betrachtet, wird die Beziehung von Ursache und Wirkung aber sehr schnell unscharf.
Alain de Bottom war bereits mit Anfang zwanzig ein arrivierter Philosoph, ein Proust Verehrer und Kenner der menschlichen Psyche, wie sie sich in Prousts “recherche” und de Bottoms Buch darüber niederschlägt. Wie mir scheint, sind wir alle auf einer recherche. Nur: wonach suchen wir eigentlich?
In der Sprache des Hochmittelalters wäre es eine queste, wir weihten als Ritter und Minnesänger unsere Herzen dem König und unserer angebeteten Hohen Frouwe, in deren Verehrung wir uns weltlich und spirituell zu vervollkommnen wünschen.
Meine derzeitige queste ist der Gang an die Isar. Alain de Bottom hat jenseits seines 50. Lebensjahrs mit der Psychologie ernst gemacht und ist Psychotherapeut geworden. In einer Vielzahl von Vorträgen, online zu sehen, spricht er in geschliffenen Sätzen mit unverkennbar elegantem Oxford Akzent und unbritischer Emotionalität über die Untiefen der menschlichen Psyche. Und die Wechselhaftigkeit ihrer Stimmungen. We are made of moods, we are literally water, we are fog. Ich muss schmunzeln, als ich das höre und denke an meine täglichen Bußgänge zum Fluss.
Warum sich an manchen Tagen mit dem Eintauchen ins Wasser eine Wolke hebt und das zugrunde liegende Daseins-Glück einfach. da. ist? Warum andere Stimmungen so lastend sein können, daß das Wasser sie nur kurz ausser Kraft setzt?
Warum die grün-graue Melancholie an einem trüben Tag so bezaubernd sein kann? Und die Tage, an denen alles gut ist, bevor, nachdem und obwohl ich ins kalte Wasser steige? Ich weiß es nicht.
Der Nobelpreis für Medizin geht dieses Jahr an drei Neurowissenschaftler. Natürlich habe ich nicht kapiert, wofür. Nur, daß es u.a. um Lichtimpulse in Algen geht. Die Aufschluss geben über Signalwege im menschlichen Nervensystem. Faszinierend. Wenn eine Alge auf Licht reagiert, wie könnte ich nicht auf Licht reagieren? Noch habe ich nicht herausgefunden, welche Art Tier ich bin. Vielleicht hat es etwas mit Algen zu tun. Ein lichtsensibler Lurch.
Bevor ichs vergesse: heute früh hat sich die Sonne durchgesetzt, mit leichter Verspätung. Das Wasser war herrlich. Ziemlich kalt. Aber weich. Ich habe mich von innen angelehnt und bin auf der Membran geschwommen.
