Im Fluss schwimmen XIV - höhere Wesen
Die Zellen stehen offen hörte ich. Ich war gerade wach geworden, alles tat weh, nicht physisch, eher metaphysisch, ein gesichtsloser, geschichtsloser Schmerz, auch nicht Schmerz, eher eine Wolke, die in mir war, von meiner Haut umschlossen und in der ich war, ebenfalls von meiner Haut umschlossen, und ich fragte mich, welche Zellen da gemeint sind, Körperzellen, Gefängniszellen? Wer wird entlassen?
Der Schmerz wird entlassen hieß es, aber der Schmerz bequemte sich nicht, mich zu verlassen, er hing da noch rum, zwischen meinen Zellen und mir. War ich begnadigt worden, was hatte ich verbrochen?
Angeblich speichern die Körperzellen alles, in den Faszien steht jedes Trauma geschrieben, bis es dort hervorgelockt, angesprochen, ausgesprochen, alchemisiert, aufgelöst, ausgestrichen oder gehalten wird. Heutiger Stand von Traumaforschung. Ich mochte es nicht, daß der Psychomainstream meine Gedichte schrieb, aber ich hatte ganz unzweifelhaft im Aufwachen gehört: die Zellen stehen offen.
Dem Schmerz passte es nicht, daß er immer so unterdrückt worden war und nichts zu sagen hatte, liess er mich wissen. Mir passte es nicht, daß er sich in meinem Leben breit machte und mir die Laune verdarb und das an Tagen, an denen es mit guter Laune eh nicht so weit her war.
Ohne den Schmerz weiter zu beachten, machte ich mich fertig für den Tag und zog mich an. Ich ging zum Fluss, das war mein Heiler. Vielleicht, weil der Schmerz Kälte überhaupt nicht mochte und sich verzog, sobald ich auch nur eine Zehe ins Wasser gesteckt hatte. Dafür übernahm etwas anderes, das unangenehm war, was mein Hirn aber nicht als Schmerz kategorisierte. Das kalte Wasser legte sich auf meine Haut und das war so intensiv, daß sich das, was innerhalb der Haut steckte, also ich und die Wolke, für eine Weile selbst vergaß.
Nach kurzer Zeit kroch die Kälte auch unter die Haut, aber auf eine neutrale Art, ganz und gar physisch, nicht metaphysisch. Vielleicht waren es die vielen offenen meta-tabs, die mein Leben anstrengend machten. Die Kälte schloss alle offenen Fenster in den laufenden Programmen und sagte: hier bin ich, ich bin kalt, ich beanspruche Dein gesamtes Laufwerk, schau mal wie lange Du das aushälst.
Ich hätte gern ein Gedicht geschrieben, das ein bisschen spiri, ein bisschen meta und ein bisschen gaga war, das hier war mir zu prosaisch. Ich musste an Sigmar Polke denken, der einfach behauptete, höhere Wesen hätten ihm befohlen, einen bestimmten Quatsch zu malen, was ich schon einen ziemlich genialen Kunstgriff finde, die Bilder sind nicht so interessant. Also, ich probiere mal: höhere Wesen haben mir befohlen die Zellen stehen offen zu schreiben. Für alles andere muss leider ich die Verantwortung übernehmen.
Wahrscheinlich ist deswegen auch die Schmerzwolke wieder da. Ein bisschen mehr im Hintergrund. Ich versuche, daran zu denken, daß die Zellen offen stehen und der Schmerz sich auch einfach verziehen könnte, nachdem er jetzt seine Portion Beachtung bekommen hat. Vielleicht wäre es für mich auch sehr ungewohnt, so ganz ohne Schmerz. Vielleicht hilft freundlicher Nachdruck: Mein Lieber, schleich Dich, mach Dich vom Acker. Gute Reise.
