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Im Fluss schwimmen X - Routine

06. September 2026

Routine ist, wenn sich etwas wiederholt. In einem Rhythmus, nach Regeln, die gewissen Notwendigkeiten unterliegen. Diese Struktur gibt uns Sicherheit, verankert uns in der Welt. Sie kann unsere Wachheit und Lebendigkeit aber auch betäuben oder verschütten. Wenn dann etwas Neues, Überraschendes, etwas Hinreißendes, Überwältigendes oder Erschütterndes passiert, erinnern wir uns daran, was es heißt, lebendig zu sein. Schön oder schrecklich, schön und schrecklich. Ein Dilemma.

Diese Serie ist ohne Plan entstanden. Die Initialzündung, das intensive Erlebnis - communion I- hat sich am nächsten Tag, zur gleichen Zeit am selben Ort nicht wieder eingestellt. Die Nüchternheit, die in Keine KaltwasserEpiphanie II vorherrscht, unterläuft meine Gier nach Intensität. Als mir das bewusst wird, will ich weiterschwimmen, weiterforschen, weiterschreiben.

Nichtgerichtete Aufmerksamkeit ist das Instrument. Ein geleertes Blatt. Ich werde mir meiner Erwartungen bewusst und versuche, sie beiseite zu lassen. Schreibend informiere ich mich selbst über meine Idiosynkrasien, die ständig wiederkehrenden Muster meiner Wahrnehmung. Ich versuche, genau zu sein. 

Der Eisvogel hat mich weiter beschäftigt. Tatsächlich stiess eine vogelkundige Freundin von D. am späteren Vormittag zu uns und bestätigte, daß es einen Eisvogel gibt, der hier sein Revier hat. Ha! D. hat ein Thermometer besorgt, die Messung ergibt 19 Grad. Genau so, wie es im Internet steht. Wir sind beide erstaunt. Die rätselhafte Kluft zwischen gefühlten und objektiv gemessenen Werten, sei es die Wassertemperatur, der Kontostand oder der Blutdruck. Wie soll man sich da zurechtfinden? 

Es gibt so viele Gründe, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Die Hobbyornithologin zitiert die NY Times mit einem Bericht über KI-bots, die alle Datenschutzbarrieren unterlaufen und ganze Firmen über ihr IT System von innen übernehmen. In der digitalen Welt zwischen fake und real zu unterscheiden ist unmöglich geworden. Wir lassen es zu, daß sich die Datenkrake immer mehr unserer inneren und äußeren Lebensräume nimmt. Diese Kiesbank am Fluss hingegen ist komplett analog, meine Sinne auch. 

In 3er Formation ziehen langhalsige Vögel mit großen Schwingen krächzend und mit lautem Flügelschlag über uns hinweg. Ich kann nicht erkennen, ob es Graugänse oder Schwäne sind, brauche zu lang, bis ich die Kamera heraus gefummelt habe. Einen erwische ich nur an den Schwanzfedern. Zuhause ziehe ich das Foto hoch, lese nach über den Vogelzug. Schwäne sammeln sich im Spätsommer zur Mauser. Die Graugänse beginnen den Zug nach Süden. Ich tippe auf Schwäne.