God bless the Fundbüro
für Yuri
God bless the Fundbüro sagte Yuri, der so hiess wie Juri Gagarin, der Kosmonaut, der der erste Mensch im Weltraum gewesen war. Yuri mit Y hatte schon oft - ohne es zu wissen- eine Zeile beigetragen oder einen Gedanken angeregt. Mein tragbares Telefon, ein Gegenstand, dem ich so innig verbunden war, daß ich mich davon versklavt fühlte, war wieder aufgetaucht. Jemand hatte es ohne Umwege ins Fundbüro getragen, ohne es zu verscherbeln oder für sich zu behalten.
Es gibt noch ehrliche Menschen sagte meine Patentante und ich dachte an die müde Frau hinter dem Schalter, die mir das in Klarsichtfolie gehüllte telefonino rüberschob und nach meinem Ausweis fragte, während sie ihn bereits in der Hand hielt. Ehrlich erfreut und unzweifelhaft erleichtert warf ich ein Münzopfer in das rosa Porzellanschwein, das zu diesem Zweck rechts am Tresen stand. Auf die Online Auktion der nicht abgeholten Fundgegenstände wurde hingewiesen. Sicher machte es müde, alles zu katalogisieren und zu ordnen.
Bunte Mützen hingen an kleinen Wäscheklammern senkrecht rund um einen Ständer. Hinter dem Tresen öffneten sich Regalfluchten voll herrenloser Schätze. Ich stellte mir Gott vor, wie er eine segnende Hand über all das hielt: die müde Frau, die schmucklosen Metallregale und die mannigfaltigen Hinterlassenschaften zerstreuter Fahrgäste. Ein zartes Licht brachte alles minimal zum Leuchten und hob die Schäbigkeit der verwaisten Gegenstände hervor.
Sehhilfen, Gehhilfen, Denkhilfen. Laptops, Handys, Regenschirme, Bergstöcke, Kleidungsstücke... vorallem die Ansammlung an Prothesen liess an eine Wallfahrtskirche denken, wo unter den Votivtafeln nicht mehr benötigte Krücken ihren Platz fanden. Wenige Tage zuvor hatte ich in solch einer Wallfahrts Kirche gesungen- unter Abbildungen der Mutter Maria in unterschiedlichen Darstellungen von Martyrern und Heiligen. Der kniende Antonius mag seinen Anteil daran gehabt haben, daß mein Telefon so schnell zu mir zurückfand.
Ich dachte wieder an die Verlustanzeige. Wie wunderbar, daß man einen Verlust anzeigen konnte. Ich nahm mir vor, meine Verluste mit Seriennummer, Typ und Fabrikat auszustatten, sie so genau zu beschreiben wie irgend möglich. Vielleicht würde ich dann dahinterkommen, ob ich das Verlorene wirklich zurück haben wollte. Einige meiner Träume, aus denen fehlbare Realitäten geworden waren würde ich gerne zur Auktion freigeben. Vielleicht könnten sie jemand anderem nützlich sein. Ein paar wenige andere wollte ich behalten und sie genau wegen ihrer Fehlbarkeit und unzulänglichen Verwirklichung noch hoffnungsloser lieben.
Ich dachte wieder an Gott und daran, ob ihn all das wirklich so interessierte, daß er seinen Segen dafür geben würde. Wie stellte sich Yuri diesen Gott vor oder meine Patentante? Als Kosmonauten? Als ehrlichen Menschen? Der alte Mann mit dem Rauschebart bereitete sich gerade sicher auf die Jobs in der Vorweihnachtszeit vor. God bless our dreams. God bless our hopes and God bless our losses and delusions betete ich und verließ die gastliche Stätte.
