Expertise - oder Kafka im Secondhandladen
“Mit Krebs kenn ich mich aus. Erst ist mein Vater dran gestorben, ein halbes Jahr später mein Mann, dann der Hund und am Ende auch noch das Meerschweinchen”.
Etwas verträumt stand ich in der Umkleidekabine eines Secondhandladens, als dieser Satz neben mir wie eine Axt herniederfuhr und -ja was? den Äther spaltete. Unfreiwillig wurde ich Zeugin einer erschütternden Mitteilung, die in ihrer Knappheit einige Fragen aufwarf.
Für einen Moment war ich paralysiert, ich wusste nicht, was und ob ich etwas empfinden sollte: waren dieser Satz und die in ihm transportierten Ereignisse entsetzlich, tragisch, komisch oder grotesk? Das gierige Schriftstellerhirn in mir machte sich in Windeseile eine geistige Notiz, über die emotionalen Konnotationen würde ich später nachdenken.
Natürlich weiß jeder halbbelesene Zitate-Zitierer, daß hier Franz Kafka mit seinem schon reichlich abgegriffenen Zitat “ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns” mit dem Scheunentor winkt. Da Zitate leider zu oft sinnentstellend verkürzt werden, hier in voller Länge:
“Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben.
Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich”. (Quelle: Briefe an Freund, Familie und Herausgeber)

Kafkas Meinung teile ich keineswegs - aber zurück zu der Frau , deren Vater, dann der Mann, der Hund und schliesslich, das Meerschweinchen …ach. Zwar hatte die unbekannte Kabinennachbarin uns nur einen Satz geschenkt, kein ganzes Buch, aber fürwahr! dieser Satz hatte mir einen Faustschlag auf den Schädel versetzt und mich aus meiner sommerseligen Trance geweckt.
Ob in der Reihenfolge der Aufzählung eine Hierarchie der Verluste eingeschrieben war oder ob sie sich aus der reinen Chronologie der Ereignisse ergab? Wahrscheinlich Letzteres, nachfragen verbot sich. Auch wenn es naheliegend scheint, den Verlust eines Menschen emotional “höher” zu bewerten als den eines Haustieres ( wir ranken sogar unsere Gefühle)- zwangsläufig ist es nicht.
Aus dem Tonfall der Sprecherin ließ sich das kaum ableiten. Ihr gelang es, eine schockierende Wahrheit ohne Umschweife oder Ausschmückungen hammerhart zu servieren. Bemerkenswert war die grimmige Genugtuung, mit der sie ihre Auflistung präsentierte. Nicht ihr bedauernswertes Schicksal, vielmehr ihre Expertise in Sachen Krebs schien sie glaubhaft untermauern zu wollen. Oder: ein bisschen Mitleid schon, aber bitte nur indirekt und in zweiter Linie.
Bei alldem war ihr keine Schwäche anzumerken, auch keine Weinerlichkeit. Ja hart, ich sags Dir, so ist das Leben. An der Ernährung hängt’s am meisten fuhr sie mit Raucherstimme fort. Dann hörte ich weg und blendete weitere Schlussfolgerungen aus, die mir nicht nur aufs Gemüt, sondern auch den Magen zu schlagen drohten
Als “Bühnenbild” waren die bunten, leichten Sommerkleider ein wirkungsvoller Kontrast. Vielleicht unbewusst, aber nicht zufällig verschaffte sich die Krebs- Fachfrau durch den Vorhang der Umkleidekabine - halb öffentlich, halb intim- Erleichterung. Sie konnte sich sicher sein, daß ihr Thema hier und jetzt nicht zur Vertiefung kommen würde. Was sollte man darauf antworten? Und wie?
Das Gespräch der beiden Damen wurde draußen bei einer Zigarette fortgesetzt. Wahrscheinlich waren sie inhaltlich schon bei den steigenden Preisen und den nicht weniger steigenden Temperaturen als ich - in meiner Sommereuphorie leicht gedämpft - mit meinen zwei Neuerwerbungen ebenfalls vor die Tür trat. Ich streifte die beiden mit einem diskreten Blick und dachte : C’est la vie, indeed. Carpe diem, genieße den Sommer.