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emergency

05. März 2025

Der Desinfektionsständer neben dem Kaffeeautomaten, eine traurige Grünpflanze, ein verwaister Rollstuhl. Bitte haben Sie Verständnis, daß wir zu Wartezeiten keine Auskunft geben können steht auf einem Zettel in arial bold 18 pt., säuberlich in einer Dokumentenhülle vor das Fenster am Tresen geklebt; schlechte Luft und abgestandene Ängste, Neonlicht, unausgesprochene Fragen.

Die Zeit, über die hier keiner Auskunft geben kann, dehnt sich. Eigentlich wird sie zäh und immer starrer, wie erkaltendes Karamell. Irgendwann hat mich der Zeitkaramellklumpen völlig verschluckt, mit mir sind der Schock, die Angst und meine Fragen darin verschwunden, die rasenden Gedanken auf ein Raunen im Hintergrund abgebremst.

Es gibt keine Uhr an der Wand, deren Zeiger das Fortschreiten der Minuten und Sekunden, das nicht zu spüren ist, wenigstens anzeigen könnte. Alle starren auf ihre Handys oder ins Leere. Ein Kommen und Gehen, die automatische Tür öffnet und schliesst sich. Sanitäter:innen schieben Verletzte herein, manche kommen zu Fuß, den Infusionsbeutel in der Hand.

Draußen werden die Krankenwagen nach der Nutzung gereinigt, jeder Zentimeter desinfiziert. Eine Besatzung in rot und neongelb steht rauchend und lachend neben ihrem Wagen. Immerhin scheint eine fahle Frühlingssonne in den schmucklosen Hof, an dessen Auffahrt noch Restadrenalin in Wolken zu hängen scheint.

Obwohl Dringlichkeit in der Luft liegt, scheint alles verlangsamt. Ein major domus regelt den Verkehr an der Kreuzung von Außentür und Aufnahme. Sie müssen sich gedulden, sagt er immer wieder, ohne seine Stimme auch nur einen Millimeter zu erheben, er hat den Überblick und verliert nie die Fassung. Ein Engel oder ein Magier, alles scheint unter seiner Kontrolle. Seine hagere Gestalt ständig in Bewegung, in seinen Augen steht zu lesen, daß er alles schon gesehen hat.

Im Seitengang liegen die Wartenden in Klinikbetten, ein älterer Mann hält die Hand seiner Frau in der einen, ihre Krücken in der anderen Hand, auf der Bettkante sitzend. Sie tauschen nur Blicke und Sorgen, keiner spricht. Es gäbe zuviel oder zuwenig zu sagen. Ein Baby schreit, eine Schwester kommt, um sich zu Dienstende bei den Kolleginnen abzumelden. In den verwinkelten Gängen weitere Wartezonen, Metallsitze, Türschilder auf erbsengrünen Wänden, Türen die sich manchmal öffnen und schnell wieder schließen, weiße Kittelschöße, die um die Ecke wehen und Wesen in hellblauer oder hellgrüner Montur.

Wir sitzen alle im gleichen Boot, die Wartenden, die begleitenden Angehörigen, die Verletzten und das medizinische Personal. Eine Arche, die sich kaum vom Fleck bewegt, auf der aber auch keiner untergeht. Noch nicht. Als der Zeitklumpen mich wieder ausspuckt, ist oben vor dem Haupteingang noch etwas Tag übrig. Meine Glieder bleiben für eine Weile steif und kalt, die Sorgenwolke schleift sich mit. Das Bimmeln der Straßenbahn reißt mich aus der Trance, die aber auch in den kommenden Tagen wie eine entleerte Hülle neben mir stehen wird und fragt: wars das?