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Dr. Nemo - beim Endodentologen

25. November 2024

Ist das Nemo? fragte ich mich, während ich zur Ablenkung auf den großen Druck schaute, der an der Wand von Behandlung 1 hing. Ein Goldfisch mit geschürzten Lippen schob sich neckisch mit Blick auf den Betrachter durch hellgrün leuchtendes Seegras. Optimistische Farben, die vermutlich einen freundlichen Akzent setzen sollten im klinischen Ambiente.

Ich fragte mich, ob Nemo auch schon mal in den Genuss einer Wurzelkanalbehandlung gekommen war oder ob es vielleicht unterhalb meiner ersterbenden Zahnwurzel so aussah: Streptokokken winkten fröhlich mit ihren kleinen Armen, weil die fortschreitende Nekrose (was für ein schönes Wort!) ihnen reichlich Nahrung bot. Und der nette Goldfisch wäre dann das Dessert.

Der Zahnarzt, der jetzt mit dem Röntgenbild wieder hereinkam, unterbrach meine Fantasien. Geduldig erklärte er mir an einem Leuchtbildschirm, was auf der neuen Aufnahme zu sehen war. Mit ruhiger Hand, fast zärtlich zeichnete er mit einem Stift den Verlauf der Wurzelkanäle und Nerven nach und deutete auf den Schatten am Fuss der Zahnwurzel.

Auch wenn die zweidimensionale Frontalsicht auf mein Gebiss durchaus einen morbiden Anblick bot, entschied ich mich in Sekundenbruchteilen, mich lieber von seiner faszinierenden Faszination für die sich rasant entwickelten Möglichkeit von High-Tech-Zahnmedizin und Präzisionsinstrumenten im Fachgebiet Endodentologie mitnehmen zu lassen, anstatt in Selbstmitleid zu versinken. Hier kannte sich jemand aus, ein Gebiss kann eine ganze Welt sein. 

Das ruhige Sprechen und die kompetente Ausstrahlung lullten mich etwas ein, während das Gespräch langsam von medizinischen zu pekuinären Themen wechselte. Auch hier hatte alles seine Ordung. Der durchgehenden Numerierung der Zähne im Kiefer entsprechend- Nr 46 war der Übeltäter- war auch im Heil- und Kostenplan alles detailliert beziffert und spezifiziert. Was für eine aufgeräumte Aufstellung. Und das Wort Heil(s)plan hatte ja wunderbare, sozusagen christliche Konnotationen.

Diese überwältigende Strukturiertheit flösste mir Vertrauen ein, während der Arzt seriöserweise auf Risiken, Nebenwirkungen und Alternativen zu sprechen kam. Schlechterdings alternativlos, um es mit den Worten unserer Altkanzlerin zu sagen, erschien mir so eine 2-stündige Reinigung meiner Wurzelkanäle zum mutmaßlichen Preis eines 2-wöchigen Urlaubs, den ich im Geiste schon mal auf das nächste Jahr verschob.

Ohne weiteres nahm ich den nächsten Termin, im Kopf noch ein bisschen beduselt von ausgeschütteten Stresshormonen, dem Jonglieren mit weniger dringenden Budgetposten und der Aussicht auf zwei weitere Stunden auf dem Zahnarztstuhl, während derer Dr. Nemo mithilfe eines Operationsmikroskops und ultrafeinen Feilen seines Amtes walten würde.

Diszipliniert wandte ich meine mentalen Energien jetzt dem total neuen dentalmedizinischen Fachvokabular zu - Endometrie klang ganz wunderbar, fand ich. Ich beschloss, beim nächsten Mal zu fragen, ob der Fisch tatsächlich Nemo hiess. 

Nemo1


das dental induzierte Stockholmsyndrom (2)

6 Tage nach dem Beratungstermin saß ich wieder auf dem Stuhl in Behandlung 1, der schon vertraute Nemo zu meiner Rechten. Heute lächelte der  Clownsfisch nicht. Ich rang  mir ein zaghaftes halbes Lächeln und ein wie es einem so geht ab, als der stets freundliche Endodentologe zu Beginn der Behandlung rituell nach meinem Befinden fragte. Bald lag ich nach hinten geneigt auf der Liege, versuchte, den Mund offen zu halten,  Luft zu bekommen und keine Panikattacke zu produzieren.

Dr. Nemo setzte beherzt aber behutsam die erste Spritze und schritt frisch ans Werk. Gehts Frau Hirschler?..hmm .. Während ich so dalag, versuchte ich nachzuvollziehen, was vor sich ging- in meiner Psyche und in meinem Mund. Offenbar wandelte sich meine ganze Angst in Anspannung und Widerstand um, was natürlich Punkt 1: Mund offen halten- schon mal ziemlich erschwerte. Tief atmen, Zunge seitlich legen, Widerstand aufgeben, befahl der Frontalkortex. Das klappte erstaunlich gut, auch die Betäubung tat ihre Wirkung und bald sank ich in einen gnädigen Dämmerzustand. 

Kleine feine Bohrer, mit hohen schnellen sirrenden Tönen, gröbere Bohrer, die tiefer klangen. Leise röchelnde Absauger, diskret fauchende Reinigungsdüsen. Das Echolot, das in immer kürzeren Intervallen die Länge des Wurzelkanals anzeigte, am Ende mit einem liegenden Ton, der so klang wie a) Ende der Parkbucht erreicht oder b) keine Herztöne mehr. Knappe Kommandos zwischen Arzt und Assistentin. Ziemlich bald hochkonzentriertes Schweigen. Ruckeln und Ziepen. Sichere, sehr präzise Bewegungen. Nach einer knappen Stunde wurde ein gleich ist es geschafft in meinen Betäubungsnebel gesprochen. 

Neben einer überscharfen Wahrnehmung hatte ich Sympathien für den Peiniger/Geiselnehmer/ Zahnarzt entwickelt- eine Variante des Stockholmsyndroms? Ein durchsichtiger Taschentrick meiner Psyche, das Ganze erträglicher zu gestalten und mich zum Durchhalten zu motivieren. Der alte Freud hätte sein Freude an dieser Mini-Konversionsneurose gehabt. Ich fand Konversion auch spannend, da klang Bekehrung mit. Zur konsequenten Nutzung von Zahnseide? Wie kam man als Zahnarzt damit klar, daß die meisten Leute nur ängstlich/widerstrebend/panisch kommen, um einem danach die Füße zu küssen, wenn man sie von ihren- durch Prokrastination vervielfachten- Schmerzen befreit hatte? Komplexe emotionale Lagen..

Dr. Nemo jedenfalls machte einen super Job. Handwerklich aber auch seelsorgerisch-kommunikativ. Als spätgeborenes Nachkriegskind traumatisierter Eltern bin ich tiefsitzend konditioniert aufs tapfer sein...Am Ende ein kleines Reframing: also anstrengend wars bestimmt, aber nicht wirklich furchtbar schlimm, oder

Beim zweiten Termin war ich zwar immer noch angespannt, aber mit  erheblich weniger Adrenalin am Start. Weniger Angst, weniger Schmerzintensität, weniger Stockholm Syndrom. Küchenpsychologisch -neurowissenschaftlich runtergebrochen. Es schadet nicht, ein ganz kleines bisschen für den Zahnarzt oder die Zahnärztin (!) zu schwärmen: motiviert ungemein bei der lästigen Zahnpflegeroutine.

Fast bedauerte ich, daß der behandelte Zahn jetzt so stabil war, daß es keinen nächsten Schwatz vor dem Leuchtbildschirm mit all den faszinierenden Abbildungen und Erläuterungen von Wurzelkanälen, Nerven, Knochen- und Zahnsubstanz einschließlich der exotischen medizinischen Terminologie geben würde. Hach! Fremdwörter. Dinge präzise benennen und präzise mit ihnen umgehen. Eine überschaubare Insel im Chaos der Welt da draußen.

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