blasphemische Betrachtungen
An Allerheiligen riefen wir alle Heiligen an, um uns ihrer Fürsprache zu versichern -
ein eher eigennnütziges Unterfangen. Auch das Gebet für das Seelenheil unserer teuren Verstorbenen am darauf folgenden Allerseelentag war von der Hoffnung durchwirkt, für uns würde einst nach unserem Ableben gebetet. Damit auch wir eingehen mögen ins Paradies und Seit an Seit sitzen und singen mit den Heiligen (die Fortgeschrittenen mit Cherubim und Seraphin).
Jede Seele ist heilig dachte ich mir während der Litanei, hier und jetzt. Und drüben im Jenseits auch. Bitte für uns, echote die Gemeinde. Auf Sterbliche war zuweilen kein Verlaß, auf unser Sterben schon. Aufs Jenseits zu schielen, aus dem noch niemand zurückgekehrt war - schwierig. Bei Kanonisierung dachte ich immer an Kanonen anstatt an den Kanon und während ich weiter darüber nachdachte, stellte ich mir vor, wie die Heiligen sangen.
In einem ewigen loop lobpreisten sie ihren Schöpfer und denjenigen, der sie kanonisiert hatte, den Pontifex Maximus, G'tts Stellvertreter auf Erden. Das roch alles ein bisschen nach Zirkus und nach Zirkelschluss, nach Absprache, nach Castingshow. Die Heiligkeit der Heiligen unbestritten, durch ihre Tugenden, Wunderheilungen und Gebetserhörungen hinreichend bewiesen, ihr Seelenheil ergo unangefochten.

Die Pfaffen mit ihren Engelshierarchien, dem Bußkatalog, dem Katechismus und dem Sündenregister, mit ihren mystisch verbrämten Transaktionen auf dem Markt spiritueller Güter, kamen mir wenig glaubwürdig vor. Da es mutmaßlich weder das eine noch das andere überhaupt gab - weder das Paradies noch die Sünde, noch geregelte Pfade durchs Fegefeuer, die Vorhölle und die Hölle- war das, was nach gründlicher Prüfung übrig blieb ein unbestimmtes Gefühl des Getrenntseins. Ein schwerwiegendes Nichts, ein schwarzes Loch. (Streng genommen gäbe es dann auch die Seele nicht, aber so weit wollte ich nicht gehen in der nüchternen Betrachtung
der letzten Dinge.)
Lebe und liebe! Liebe und tu was du willst. (Augustinus) Auf die Güte und das Licht und die Liebe können sich - G'tt sei Dank! - fast alle einigen, sogar die Agnostiker und die esoterischen Atheisten. Die Ästheten glauben zumindest an die Kunst und fast alle Musiker an Johann Sebastian Bach. G'tt ist uns so nah wie unsere Nasenspitze, denke ich immer noch. Jedes Haar auf deinem Kopf hat er gezählt. Lasset uns beten: Das Paradies ist uns ins Herz gelegt. Amen.