San Gennaro
Janusköpfig schaut er zurück wie nach vorn,
Januar, Janus, Gott des Anfangs und des Endes,
der Ein- und Ausgänge, der Türen und der Tore.
Hartung oder Hartmonat, Eismonat, Wolfsmonat
bevor die Römer mit dem Kalender die Deutungshoheit
an sich rissen und neue Namen vergaben.
Wölfe und Bären kehren mancherorts zurück
Eis und Schnee heuer reichlich
die heilige Zeit vorbei die staade Zeit
die immer alles andere als staad ist
Vorfreude, Abneigung, Erleichterung,
Ernüchterung - alle Hochgefühle nach den Feiertagen
zu einem Aschehäufchen geschrumpft
Reste des Silvesterfeuerwerks weggefegt
versprengte Weihnachtsbäume entsorgt.
der Alltag nimmt seinen Gang wieder auf.
an den Spätnachmittagen läßt sich die Sonne
ein paar Minuten mehr Zeit zum Untergehen
an milden Tagen liegen Erwartung und der leicht erdige
Geruch von Vorfrühling in der Luft
am Himmel alles unentschieden
Hochnebel verdeckt die Sonne
eine graue Wand die nicht verrät
ob es vorwärts oder rückwärts geht
meine Sehnsucht schaut den Vögeln nach
schaut nach Süden nach Wärme nach langen Tagen
und Unbeschwertheit
der Januar eine zähe Passage
eingeklemmt zwischen Rausch
und Räson kommt er nur langsam zu sich fragt mich
wohin ich meine Schritte lenken will.

ich rufe San Gennaro an, den Hl. Januarius,
Schutzpatron der Stadt Neapel, dessen Blutwunder ein Omen ist
ob der Vesuv bald ausbrechen wird oder nicht
einer zweiten Legende nach gilt er als "femminiello“
weibliche wie männliche Attribute in sich vereinend
sein Märtyrerblut mit Menstruationsblut vermischt.
Dieser Heilige gefällt mir
Vulkane und Uneindeutigkeiten
nicht alles wissen aber in alle Himmelsrichtungen
ziehen dürfen.