Auferstehen! Ja, Auferstehen! (Mahler 2)
- eine lyrische Paraphrase
Inniges dolce espressivo der Geigen
am Ende des ersten Satzes
die Zeit blieb ein bisschen stehen
ich hob den Blick und
da sah ich Euch im Rang sitzen
Nebeneinander wie früher
in der dritten Bank vorne links im Münster
wenn ihr zu den Konzerten kamt.
Hajo ins Programmheft vertieft
mein Vater in die Luft guckend
die Patentanten mit meiner Mutter im Gespräch
Doch jetzt saßt ihr hier oder schwebtet viel mehr -
bevor ich nochmals hinschauen konnte um zu prüfen,
ob ihr alt geblieben oder jünger geworden wart
wart ihr schon nicht mehr zu sehen.
Vier leere Plätze in der ersten Reihe links im ersten Rang
das Festspielhaus nur zur Hälfte gefüllt.
Der Kronleuchter, während der Proben
immer wie ein Raumschiff beinahe mitten im Raum landend
war hochgezogen
wir waren wieder terrestrisch
hier auf der Bühne und im Zuschauerraum auch.

Die Solistinnen hatten ihren Auftritt
Ihre Roben rauschten leise am Boden
und durch die Stuhlreihen des Orchesters
dann hatten sie sich gesetzt
der Dirigent hob erneut den Taktstock
der zweite Satz begann.
Die Musik entfaltete einen Sog
der mich Euer Erscheinen bald vergessen ließ.
Als wir im fünften Satz zu singen begannen
hatten sich der Himmel und die Pforten zur Hölle geöffnet
wir waren über Sommerwiesen gelaufen
hatten einen Sonnenaufgang über den Bergspitzen erlebt
an einem Fest mit Tanz teilgenommen.
Ein Beckenschlag riß mich aus meinen Träumereien
das Aufgehen der Sonne wurde
ein weiteres Mal mit Fanfaren verkündet
und mit dem dreimaligen Schlagen
der zwei bronzefarbenen Becken zelebriert
Der Schlagzeuger schlug die zwei glänzenden Teller
wie ein Schamane in großer Geste gegeneinander
und beschrieb dann mit jeder Hand
einen großer Kreis nach oben und nach außen
eine Beschwörung kosmischer Energien
(Das war in der Musik die Stelle, die später von Paramount Pictures geklaut werden würde)
Eine weiterer der acht Schlagzeuger
wieselte zwischen seinen mannigfaltigen Instrumenten
eilig große gegen kleinere
harte gegen weiche Klöppel tauschend
sein Schlagwerk umrundend
um hinter die Bühne zu laufen
wo die Glocken aufgebaut auf ihn warteten.
Von Ferne ertönte die Banda
durch die halb geöffnete Tür an der Rückseite des Saals
ein trapezförmiger Lichtkeil fiel von draußen herein
Die Hörner riefen.
Die Trompeten. Riefen und antworteten.
Wer wurde gerufen?
Wo würde es hingehen?
Wo wart Ihr?
Der Herr der Ernte sangen die Männer
Der Herr der Ernte gehet und sammelt ein die starben
sangen wir alle gemeinsam
Manchmal sang ich irrtümlicherweise Garben
und hatte das Bild eines Schnitters vor Augen
der mit der Sichel in der Hand übers Weizenfeld geht
und das Korn schneidet.
Ich sah dann auch einen Mann
der über Felder schritt und Leichen barg
Bevor ich darüber nachdenken konnte
wie er sie alle schultern konnte
und warum es immer Männer waren
der Schnitter, der Herr,
Waren wir bei wieder aufzublühen wirst Du gesät.
Männer zuerst die Frauenstimmen fielen ein.
Ich verirrte mich in Klopstocks Gedicht.
Unterdessen nahm der gewaltige Aufschwung zum Ende hin Anlauf
Hör auf zu beben. Der Bass sang seine tiefsten Töne - Quintfall.
Hör auf zu beben! im Wechselgesang
Bereite Dich! Bereite Dich zu leben.
Das war jetzt Gustav Mahlers Weiterdichtung.
Ich fragte mich immer
warum nicht das Beben Leben ist.
Wahrscheinlich verstand Gustav das Beben als ein Beben der Angst
und das wahre Leben begann wahrlich erst jenseits davon.
Warum in all diesem sprachlich eher hölzernen Verwandlungspathos
Auferstehn wirst Du/mein Herz/ in einem Nu
wie ein Kinderreim abfiel?
Die Auferstehung war unterdessen im vollen Gange
wir gaben alle alles! Zu Gott zu Gott trug es uns
ohrenbetäubendes Getöse
Im Nachspiel atmeten wir schwer
mit Herzklopfen und Rauschen in den Ohren
wie Läufer, die ins Ziel gekommen waren
sich jenseits der Ziellinie aber nicht
auf den Boden werfen durften.
Unmittelbar nach dem Abschlag brandete Applaus auf
sofort wurde das Saallicht aufgeblendet.
Ich habe Euch verloren.
Daß ihr auferstanden seid
weiß ich gleichwohl ganz gewiß.