übers Schreiben schreiben- eine kleine Poetologie
Warum schreibe ich? Wie schreibe ich? Was nährt und inspiriert mich? Was trägt mich und wohin lasse ich mich tragen? Und was hat das alles mit meinem Werdegang, meinen Studien, meiner Berufs- und Lebenserfahrung zu tun? Die kleine Aufgabe, für meine neue Autoren Webseite einen Text über mich zu verfassen, wirft mich in ungeahnte Schwierigkeiten.
Sich selbst zu sehen, ist immer schwer. Als Schreibende über sich selbst zu schreiben, birgt wohl eine doppelte Gefahr der Verzerrung, der déformation professionelle. Das Gerundium hier ist nicht woke zu lesen, sondern als Tätigkeitsbeschreibung: eine, die schreibt, die beständig im Prozess ist, Gedanken in Worte in Schrift in Text zu verwandeln.
Das Schreiben hat eine Innen- und eine Außenseite. Daniel wählt eine Typo, ich wähle die Worte, die darin schwarz auf weiß erscheinen sollen. Auf Papier, auf einem Bildschirm. Aber woher kommen sie?
Dominika Hirschler (1972*) ist eine in Deutschland Autorin. In ihren Essays, Gedichten und Erzählungen erforscht sie, wie es gelingt, im Leben wie in der Kunst gleichermaßen echt wie durchlässig zu sein. Immer dabei: ihre Kamera. Die Fotos, visuelle Notizen aus ihrem Alltag, sind der Ausgangspunkt für vertiefende Betrachtungen. In den Essays assoziativ und nachdenklich, auch politisch und ironisch. In der Poesie in der Bewegung vom noch Un-Gewußten zu einer anderen Form von Bewußtsein.
Die Hawai’ianer nennen es Po.
Po is origin.
Po is source.
Po is darkness.
Po is the cosmic night.
Po ist der Ozean des Unbewußten, auf dem ich mit meiner kleinen Schaluppe, meinem kleinen Geist und der Hand, die den Stift führt oder tippt, navigiere und nach Perlen fische. Es ist ein osmotischer Prozess. Wir tauschen uns aus, die Welt und ich. Mein Ich wird ausgetauscht. Ich werde ausgetauscht, nehme auf, gebe ab, verwandle, werde verwandelt.
Der Text über mich muss noch geschrieben werden. Besser von jemand anderem? Die Hawaiianische Inspiration habe ich aus einem Video geschöpft, das ich hier jedem ans Herz legen möchte:

Hawai‘i: Yo-Yo Ma and the Whales
Schon von klein auf war es Yo-Yo Mas Herzenswunsch, mit den Walen, seinen Säugetier-Geschwistern zu kommunizieren. Mit allem was ist, durch sein Cello. Es wurde ein Boot gebaut, das die Schwingungen von Yo-Yo Mas Cello ohne weitere technische Hilfsmittel auf das Wasser und in die Tiefe überträgt. Es ist eine längere Geschichte, die hier berührend erzählt wird.
Zu hören ist auch Snowbird Bento, eine Hawaiianische Sängerin und Tänzerin, die durch ihren Gesang Kontakt mit den Ahnen und dem ganzen Kosmos aufnimmt.
..am Ende ist nicht ganz klar- haben die Wale Yo-Yo Ma und sein Cello gehört? Haben sie auf ihn reagiert? Haben sie ihn verstanden? Wir versuchen, unser Lied zu singen. Uns selbst zu hören, uns auszudrücken und mit den anderen zu kommunizieren. Ich bin sicher, Wale haben Sinn für Poesie.
Poesie ist ein Möglichkeitsraum. Poesie ist, mit den Schwestern Inspiration und Intuition spazieren zu gehen. Ihnen zu lauschen, ihren Befehlen zu gehorchen. Etwas freizulegen, was so vorher noch nicht sichtbar oder lesbar war. Ein Abenteuer, unwägbar, manchmal gefährlich. Ich entdecke mich- im doppelten Wortsinn- und nicht immer gefällt mir, was ich sehe, erschreibe, begreife. Es braucht Mut, dann so mutig zu sein wie der Text und nicht zurückzuschrumpfen.
Poesie ist mein Trost. Poesie ist ein Ort, an dem ich so lieben darf, wie es mir im Leben vielleicht nicht gelingt. Poesie ist ein Ort, an dem Schönheit alles berührt und verwandelt, was mich schmerzt und beunruhigt. Poesie ist der Ort, an dem ein geheimer Sinn zu finden ist.
Sie offenbart sich und muß nicht verstanden werden.