Pensionierte Kreative auf Spontify
Die Freitagsausgabe meiner geliebten Süddeutschen Zeitung nehme ich nach Möglichkeit im Café des nahe gelegenen Kulturzentrums zu mir, mit einem Espresso mindestens. Die Stadtbibliothek mit Philharmonie- oder andersherum - beherbergt unter anderem auch einen Anmeldeschalter der Volkshochschule und besagtes Café mit einer wunderbaren Auswahl an Zeitschriften und internationalen Wochen-Zeitungen.
Auch architektonisch ist es ein Lieblingsort, das berühmte HP8, Interimsquartier des alten Gasteigs in München. Alles gruppiert sich in der Halle E, einem Juwel der neuen Sachlichkeit aus den 1920er Jahren, um einen Lichthof herum. Für mich ist es mein kleines Paradies nebenan, das ich möglichst mehrfach pro Woche frequentiere.

Um Bücher zu holen, die ich meist halb oder gar ungelesen wieder abgebe; einen Espresso zu trinken, mit der echt neapolitanischen Barista über die neue Kaffeesorte fachzusimpeln; mir die Leute anzugucken und alles mögliche durchzublättern, von der Zeit über die SZ, die NZZ, das Gusto (ein wunderbares österreichisches GastroMagazin) und - die Bunte. Auch letztere Publikation ist geschmacks- und stilbildend, wenn auch eher ex negativo. Aber wer könnte verhehlen, daß die bunten Bildern aus den Leben der oberen 10.000 auch spannend oder entspannend sein können?
Neulich wurde ich zunächst ungewollt hineingezogen, dann aber völlig gefesselt von dem Gespräch, das zwei weißhaarige Damen am Nebentisch führten. In einer Lautstärke, die es mir verunmöglichte, wegzuhören. Und ganz bald wollte ich das auch nicht mehr, weghören. Ich steckte der Form halber meine Nase noch tiefer in die weiten Blätter der Süddeutschen Zeitung, die ich über den halben Tisch und meine Beine ausgebreitet hatte. Um die Ohren unauffällig noch schärfer zu spitzen.
Die Dame, die mir zugewandt saß, war eher sportlich gekleidet. Ein praktischer, schon etwas herausgewachsener fusseliger Kurzhaarschnitt umrahmte das schmale Gesicht, mit einer leicht igelartigen Stupsnase und hellwachen Augen, die durch eine flotte Acetatbrille in rot (aus dem 3D Drucker, state of the art) akzentuiert wurden. Ihre Gesprächspartnerin wandte mir den Rücken zu. Ich erkannte lose zum Dutt zurückgenommene weiße Haare und die apart-alternative Kleidung, die man in mittelhochpreisigen Boutiquen für Frauen mittleren Alters bekommt, gekonnt und geschmackvoll kombiniert.
Das Gespräch drehte sich um die Freuden und Lasten des Pensionistinnen Daseins. Das gar nicht so übel ist, wie meine Wiener Freundin M. - gleiche Alterskohorte -einwerfen würde. Wenngleich auch kein rein hedonistisches Projekt, wie sie sich beeilte anzufügen. Man ist mehr oder weniger gut situiert, in mehr oder weniger guter gesundheitlicher Verfassung, hat schon erwachsene Kinder, vielleicht noch ein Elternteil, das Pflege oder zumindest Fürsorge benötigt. Man ist verbandelt, verwitwet, verheiratet oder singulär solitär. Aber vor allem hat man einiges an freier Zeit, die sinnvoll gestaltet sein will.
Diese beiden wollen und tun es auch- das Kreativ Sein. Sie tauschten sich aus über Chöre- wo welches Niveau und welche Anforderungen...welche Chorleiterin so furchtbar streng ist und einen rauspickt. Über Volkshochschulkurse, die Qualität mancher Dozenten (nicht alle gleich gut) und ihre kreativen Lieblingsdisziplinen. Über die Vorzüge und Nachteile der Münchner Seniorenresidenzen (besser die kleinere, etwas ältere, dafür zentral gelegene), über Eigentumswohnungen und Eigentümerversammlungen, die u.a. über den Einbau eines Treppenlifts entscheiden. Etc.pp.
Über Konzerte und Ausstellungen. Daß die eine beim Haushalt machen Hörbuch hört oder Podcasts. Die andere fragte dann: machst Du auch was auf Spontify? An der Stelle musste ich mich sehr zusammenreißen, um keine Miene zu verziehen. Ganz poker face schmunzelte ich lautlos in mich hinein und hörte noch genauer hin. Das Wort für den Streamingdienst, in das sich ein n geschlichen hatte, das da nicht hingehörte, fiel noch mehrmals. Es wurde mit derartigem Aplomb ausgesprochen, daß kein Zweifel bestand- sie meinte Spotify, sprach aber von Spontify.
Während ich weiter intensiv zuhörte und versuchte, alles mitzubekommen, lief in meinem Kopf ein Parallelfilm. Wie mein Leben in 12-15 Jahren aussehen würde. Ob es dann überhaupt noch eine Pension oder Rente geben würde, vorallem für mich, die in den 25 Jahren überwiegend freiberuflicher, kreativer Berufstätigkeit kaum eingezahlt hatte. Ob ich dann so gesund, munter, unternehmungslustig und immer noch neugierig sein würde wie diese zwei Damen am Nebentisch.
Möglicherweise wird mir dann auch der eine oder andere sprachliche Lapsus unterlaufen, den die Jüngeren halb ungläubig bestaunen und ein bisschen herablassend belächeln werden. Allerdings bin ich Ausdrucksfanatikerin, habe ein elefantöses Gedächtnis und feine Musikerohren. Mein Umgang mit Sprache ist furchtbar besserwisserisch und grenzwertig obsessiv. Jetzt noch. Wer weiss..
Wie konnte dieser semantische Kurzschluss zustande gekommen sein? Er hätte von meiner Mutter sein können, die Zeit ihres Lebens sprachlich neuschöpferisch gewesen war, eine Meisterin der plastischen Sprachbilder, mit einem Hang zum Slang, zum Kraftausdruck, zur Jugendsprache. Mein Vater etwas feinsinniger und zurückhaltender, aber ebenso kreativ, vor allem im Erfinden von Spitznamen. Sarkasmus, verbale Wettbewerbe, Schlagabtäusche und heiße Diskussionen am Abendbrottisch in großer Besetzung waren mein Trainingsgelände. Herablassung waren leider die Regel, nicht die Ausnahme in der innenfamiliären Kommunikation.
Ich verfranste mich in Erinnerungen. Meine Eltern hatten ihre Rente genossen und kreativ gestaltet, waren viel gereist und hatten nachzuholen versucht, was in den arbeitsintensiven und finanziell sehr eingeschränkten Kindererziehungs-, Hausbau- , Gartenpflege-, Bafögzahl -und Kreditabstotter-Jahrzehnten zu kurz gekommen war.
In meine etwas melancholischen Überlegungen fiel kurz darauf am Nebentisch eine mir völlig neue Vokabel, die mein Erinnerungsdickicht wie eine Machete durchschnitt: Vorstellungsfanatiker. Mein Puls beschleunigte sich - welch wunderbares deutsches Kompositum! Was damit gemeint ist, kann man sich vorstellen! In diesem Sinne: manche Leute haben Langeweile, andere haben Fantasie.