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Häutungen

12. November 2025

When in Zürich go to Buchhandlung im Volkshaus, im Bezirk 4, Stauffacherstrasse. Auswahl und Atmosphäre, die Kolleg*innen dort sind besonders. Eine der letzten “linken” Buchhandlungen, die es wahrscheinlich überhaupt noch gibt. Regalmeter Philosophie und politische Theorie, aber auch Kunst, Psychoanalyse, Lyrik, Theater. Dort fand mich heute ein Bändchen von Thomas Brasch, dem ostdeutschen Lyriker und Dramatiker. Was ich mir wünsche. 

Es ist das eine, einen Abschied anzukündigen und sich auszumalen. Das andere, ihn auch wirklich zu nehmen und zu durchleben. Es geht um meinen Abschied von der Bühne, das bewusste und absichtliche Beenden meiner Laufbahn als professionelle Sängerin. Ein kleiner Tod. Kein ganz kleiner Tod. Immerhin war das ein Großteil meiner Identität, viele Jahre lang. Ich war stolz, die Frage nach meinem Beruf so zu beantworten: Ich bin Sängerin, klassisch ausgebildet. Mezzosopran. Ja, es ist nicht leicht! Aber sehr erfüllend. Mein Lebenstraum, meine Leidenschaft.

Das war es über Jahrzehnte tatsächlich. Was habe ich alles gegeben und geopfert, in Kauf genommen und Zähne knirschend akzeptiert, um ihn leben zu können. Es gab auch Zeiten, in denen das Sängerinnen Dasein mehr Traum als Realität war. Dann war das Singen und die Rückkehr zu professionellen Engagements so etwas wie mein Norden, der Fixstern, an dem ich mich und meine Entscheidungen ausgerichtet habe. Vielleicht gerade, weil mir vieles nicht in den Schoß fiel und hart erarbeitet, errungen, manchmal auch erlitten war, habe ich lange festgehalten. In der Finanzwelt ein geläufiger, aber fehlerhafter investment bias: je mehr man bereits investiert hat, umso länger bleibt man dabei. Unabhängig davon, wie die reale Rendite ist. Auch wenn es längst Zeit wäre, neue Entscheidungen zu treffen.

Nicht von der Hand zu weisen, daß ich dem aufgesessen bin. Noch länger ist es mir nicht eingefallen, mein künstlerisches Tun mit Rendite und monetären Begriffen in Zusammenhang zu bringen. Die früh in mich hineinkonditionierte Spaltung von hehrer Kunst und schmutzigem Geld. Die berechtigte, gelungene oder mißratene Monetarisierung von Kunst oder Potential/Talent ist aber ein anderes Thema. Die Musik, der Gesang, die Sängerin in mir- das war eine exzentrische, schwierige Geliebte, die viel gefordert und nicht immer gleichermaßen zurückgegeben hat. Trotz vieler Sternstunden, trotz der Freude und Erfüllung, die mir das Singen gegeben hat, ist jetzt etwas anderes dran. Sicher auch: eine andere Art zu lieben. 

Zurück zum Sterben. Wie fühlt es sich also tatsächlich an, zu wissen, heute ist das erste von den letzten 6 Konzerten? Natürlich könnte ich mich rausziehen und sagen- ja vielleicht. Vielleicht ist das ja nicht endgültig. Vielleicht komme ich zurück. Vielleicht sieht in einem Jahr wieder alles anders aus. Ich fühle es aber nicht so. Ich fühle, daß mich der Prozess schon an einen Ort gesogen hat, von dem aus es nur noch nach vorn geht, nicht mehr zurück.

Es überrascht mich, wie wenig ich emotional noch verhaftet bin. Ein Teil von mir ist schon unterwegs ist, häutet und entledigt sich, absolviert professionell die letzten Termine. Dankbar darüber, daß ich es selbst so entschieden habe und gestalten kann. Irgendwo zwischen Abschied und Aufbruch klaffen emotionale Löcher. Hin und wieder steigt horror vacui in mir auf. Wie wird es sein, wenn ich im Dezember zu Hause sitze und wirklich nichts mehr im Kalender steht? Mich keiner anruft und fragt, ob ich mal kurz einspringen mag?

Jetzt schon entsteht unter dem alten Leben ein neues. Meine Routinen haben sich verändert. Die Wochenenden gestalten sich ohne Konzerte und Gottesdienste völlig anders. Ich geniesse das sehr. Die lieben Kollegen sehe ich trotzdem, jetzt nicht mehr alle und ständig, aber doch absichtlich und sehr gern. Um mich bei einem Kaffee auszutauschen. Über das Übliche, den Flur- oder Emporenfunk, über meinen wenig existenten Abschiedsschmerz aber die sehr existenten Geburtsschmerzen in meine neuen Aufgaben, meine neue Identität hinein. 

Es wächst bereits neue Haut, aber die ist noch dünn. Und ungewohnt. Wenn mich jetzt jemand nach meinem Beruf fragt, übe ich noch. Ich sage dann, ich sei Autorin und habe einen dayjob in einer Kulturinstitution. Nach wie vor liebe ich Kunst und Künstler, liebe ich Musik. Ich gehe in Konzerte, häufiger als zuvor. In Ausstellungen und Museen. Ich suche auch in fremden Städten meine speziellen Lieblingsbuchhandlungen auf und bin mit meinen früheren Berufskolleginnen im Gespräch, was ich immer als inspirierend empfinde.

Manchmal habe ich sogar Sehnsucht. Nicht danach, weiter als nomadisierende Sängerin unterwegs zu sein, sondern morgens wieder einen Buchladen aufzuschliessen. Diesen ganz speziellen Geruch von Bücherstaub in der Nase zu haben, den es nur dort gibt. Die kleinen Routinen. Die Kundengespräche. Natürlich ist das eine wacklige Nostalgie. Ich bemerke die hochgezogenen Augenbrauen oder das leicht verrutsche Lächeln der tatsächlich amtierenden BuchhändlerKolleg*innen wenn ich davon erzähle. Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist immer grüner!

Hast Du das Gefühl, Dich für Deine Entscheidung rechtfertigen zu müssen? war die kluge Frage einer Freundin neulich. Ja, das hatte ich schon. Ich war so lange Jahre den positiven wie negativen Projektionen meiner Mitmenschen auf den Künstlerberuf ausgesetzt, daß es schon eingefleischt ist, mich rechtfertigen zu müssen. Früher dafür, als Künstlerin überhaupt von meiner Kunst existieren zu wollen. Die naiv-positiven Projektionen, wie wunderbar es sein muss, den ganzen Tag nur zu singen und oder zu schreiben, finde ich die schlimmsten. Jeder, der bis 3 nachdenkt und sich einzufühlen vermag, weiß, daß es nichts gibt, was nur wunderbar und einfach ist. Das muss es auch nicht. Aber ich bin es müde, diese Projektionsfläche zu sein.

Vielleicht fällt es mir deshalb unterm Strich doch leichter als gedacht, die Bühne zu verlassen. Es ist mir zu grell, zu hell, zu ausgeleuchtet dort oben. Das Bühnenlicht rückt Dinge ins Zentrum, die mir nicht mehr wichtig sind. Weder mein Aussehen, noch meine performance, noch mein sogenannter Marktwert. Immer schon ging es mir mehr um Inhalte als um die Verpackung. Von der Vermarktung ganz zu schweigen. Und daran wird sich nicht ändern. 

SCHLIESS DIE TÜR UND BEGREIFE, 
daß niemandem etwas fehlt, 
wenn du fehlst, begreife, 
daß du der einzige bist der ohne Pause über dich nachdenkt, 
daß du die Tür schließen kannst 
ohne viel Aufhebens und ohne Angst, es könne dich einer beobachten. Dich beobachtet keiner. Du fehlst keinem. Wenn du das begriffen hast, kannst du die Tür schließen hinter dir.

Es ist gleichzeitig entlastend und ernüchternd, zu realisieren, wie recht Thomas Brasch hat: Ich werde keinem fehlen. Also versuche ich , das Ganze leichter zu nehmen, als es tatsächlich ist. Mit einem Twist ins Humorvolle. 

Gustav Mahlers selbst verfasster Text (stellenweise eher ein sentimentaler Erguss) für das Finale seiner 2. Sinfonie zum Beispiel, der sog. Auferstehungssinfonie. Auferstehen! Ja Auferstehen…wirst Du/ mein Herz/ in einen Nu!…na nu? Wie sich das Auferstehen dann tatsächlich anfühlen wird, weiß ich noch nicht. Ich werde berichten.