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Die Form wahren

10. März 2021

Kann man sich an Kummer, sprich Konzertabsagen gewöhnen? Obwohl ich versuche, immer alles für möglich zu halten, hat mich eine Absage letzte Woche mehr getroffen als andere. Der Absagegrund war nur sekundär coronabedingt: dem Veranstalter waren aufgrund des Lockdowns große Einnahmeausfälle entstanden. Der befürchtete Dominoeffekt tritt jetzt ein. Nicht mehr das Virus selbst ist der Uebeltäter, sondern seine wirtschaftlichen Folgen.

Meine Contenance hat an diesem Tag eine ordentliche Delle davongetragen. Einen langen Moment lang hatte ich wieder einmal das Gefühl, durchhalten wollen macht keinen Sinn. Auf welcher Grundlage, mit welcher Perspektive?

Um den großen Fragezeichen und Unsicherheiten um mich herum etwas entgegenzusetzen, habe ich mir neue Routinen gebastelt, mühsam versucht, kleine Sicherheiten zu schaffen. Solange ich das nicht in Frage stelle, funktioniert es leidlich. Während ich mit mir hadere, kommt mir eine Romanszene in den Sinn:

In den Subtropen, weit weg von aller Zivilisation, zieht sich der Protagonist zum Fünfuhrtee um, vollzieht trotz drückender Hitze das Teeritual, um sich dann zum Sonnenuntergang- aber nicht vorher- den Sundowner zu genehmigen und den Vatermörderkragen etwas zu lockern.

Wie lange die politischen Verhältnisse noch die bleiben, die ihn an diese privilegierte Position gespült haben, ist ungewiss. Ob sein Schicksal oder seine Contenance noch irgendjemand ausser ihm schert, ebenso.

Die strenge Form, das Ritual als eine letzte Bastion gegen die Veränderungen, die schon spürbar, aber noch nicht greifbar sind. So oder ähnlich haben Blixen, Faulkner, ganz großartig auch Alex Capus (Eine Frage der Zeit, Knaus 2007) darüber geschrieben, wie kurios Menschen sich zu Zeitenwenden verhalten.

Unsere neue Formlosigkeit: zufällig stolpere ich über den Livestream der Montagskonzerte der Bayrischen Staatsoper. Sehr casual sitze ich auf dem Bett, auf der Suche nach ein bisschen Zerstreuung und werde auf einmal reingezogen in Mahlers "Lied von der Erde"- die Klavierfassung. Zwei Sänger und ein Pianist auf der großen Bühne vor leeren Rängen und einer als Statistin bestallten "Zuschauerin", die in der Königsloge die Stellung hält.

Montagskonzert 2

Die Leere im Theater und das unter diesen Umständen absurd intensive Musizieren von Christian Gerhaher und Gerold Huber üben einen starken Sog aus, dem ich mich nicht entziehen kann, dem ich mich aber auch nicht gewachsen fühle.

Nur ein kleiner Bildschirmausschnitt, den ich jederzeit wegwischen kann. Dieses Konzert verlangt meine volle Präsenz und ich bleibe sie den Künstlern schuldig. Hätte es genutzt, mich in Konzertgarderobe vor den Bildschirm zu setzen und alle andere Ablenkung auszuschalten?

Nach einem Jahr in dem ich so viel Musik von der Konserve, als Video oder im Stream "konsumiert" habe wie noch nie, stelle ich fest, wie sich meine Aufmerksamkeitsspanne und Konzentrationsfähigkeit reziprok zum Anstieg meines Medienkonsums immer mehr verkürzt. Auch der Zwitter "digital übertragene Livemusik" verkommt inflationär zu einer Geräusch-/Unterhaltungs-/ Zerstreuungsquelle unter anderen.

Es ist ein Riesenverlust, daß es diese Einheit von Zeit und Ort, the "living communion" (siehe Blogpost über Rattle/Elder) derzeit nicht gibt. Es macht mir Angst, daß wir verlernen, uns für eine bestimmte Zeitspanne gemeinsam mit physisch anwesendenden Anderen nur dem Hören, Lauschen, Sehen, Schauen zu widmen. Nirgendwo anders zu sein als im Konzertsaal, im Theater, in einer Kirche, im Museum.

Die Form macht etwas mit uns. Sie wirkt zurück auf unsere Wahrnehmung, unser Erleben und unsere Resonanz, unser In-der- Welt-Sein. Dieser Wandel ist weit mehr als die Veränderung einer Kulturlandschaft, der Verlust von Veranstaltungsorten, - formaten, Auftrittsmöglichkeiten.

Da geht es darum, wie wir unser Mensch Sein leben und gestalten wollen. Überflutet, haltlos und zerstreut, unserer selbst entfremdet? Oder in der Welt tief verankert, mit allen Sinnen anwesend, mit anderen verbunden, verbunden auch mit dem, was über uns hinausweist?