Dichten als Existenzsicherung
Es war einer dieser Tage, an denen ich morgens mit dem Gedanken aufstand, endlich einen Plan haben zu müssen. Um meine Existenz zu sichern. Ich ging also am späten Vormittag ins Literaturhaus und setzte mich in die Brasserie an einen Tisch mit den papiernen Platzsets mit Oskar Maria Graf-Zitaten drauf. Auf einem rief er zum Genuß auf, auf dem zweiten zur Revolution. Letzteres kam mir als Schmierpapier gerade recht.
Anstatt mich wie sonst mit einem Caffè und einem Croissant zu begnügen, gönnte ich mir heute die gratinierte Zwiebelsuppe. Ich stellte mir vor, wie es wäre, tatsächlich vermögend zu sein.
Neben mir ein Herrenstammtisch, ich tippte auf ehemalige Ärzte, Rechtsanwälte, Studienräte, die gerade von einer Führung (Bachmann-Ausstellung?) zurück kamen. Man besprach die letzte Lektüre, eine Reise auf die Galapagos- Inseln - nein, ein Abstecher nach Macchu Pichu würde nicht dabei sein- das neue Penthouse eines gemeinsamen Bekannten mit raffinierten Einbauten.
Den leger gediegen gekleideten Pensionären war ihre Wohlsituiertheit allenfalls an der leicht gebräunten Gesichtsfarbe (Golfplatz?Segelboot?) und am Mut zu farbigen Cordhosen anzusehen. War es Neid, der mich hier alle Mittelschichtklischees übereinander stapeln liess? Ich weiss es nicht. (Die Dialoge sind jedenfalls nicht erfunden, sondern abgelauscht.)
Ich machte mir Notizen. Eine Wunschliste, eine Aufstellung meiner Optionen.
1.) Ich werde Privatière. Immerhin war ich weltgewandt, kunstinteressiert, italophil, polyglott und kreativ- allein es fehlte mir am Startkapital und auch an dem, was man Stallgeruch nennt. Freunde, die in Billionärskreisen verkehrten, hatte ich nicht.
2.) Ich heirate mich reich. Jetzt hatte ich die 50 schon überschritten, ohne in irgendeinen Ehehafen eingelaufen zu sein (nicht einmal in einer Nuckelpinne). Ich hatte eine hartnäckige Abneigung gegen Abhängigkeiten aller Art, insbesondere gegen emotional-finanzielle Verquickungen. Meine Kompromiss- und Anpassungsbereitschaft war im Vergleich (Alterskohorte, Freundeskreis) eher unterdurchschnittlich. Und Freunde, die in Billionärskreisen verkehrten…s.o.
3.) Durchbruch über Nacht-Lyrik und Essay waren so etwas wie die Nische in der Nische. Wäre der Literaturmarkt eine Matrioschka, wären die beiden das vorletzte und das letzte Püppchen darin. Selbst Preisträger verdienen allenfalls am Preisgeld, kaum an ihren Auflagen. Für Dichter gilt noch viel mehr wie für alle anderen: nur eine tote Dichterin ist eine gute Dichterin- siehe z.B. Emily Dickinson, die erst posthum gelesen und veröffentlich wurde, ein Leben lang ihr Elternhaus nicht verlassen hat, so allerdings auch nie Geld verdienen musste (und heiraten musste sie auch nicht, s.o). Bewegend, aber auch deprimierend.
4.) Schreibstipendien. Meine letzte Bewerbung war gerade abgelehnt worden. Immerhin mit dem Hinweis auf die nächste Bewerbungsrunde im kommenden Jahr und mit dem kleinen Wort "merit" in der Absagemail, genauer gesagt, "In no way does that mean that your project lacked merit". Danke, freundlicher Unbekannter. Ich halte mich an dieses winzige Goldstäubchen und werde es nächstes Jahr wieder versuchen.
5.) großer (finanzieller) Erfolg als Sängerin. Sehr schwer zu erreichen, sehr unwahrscheinlich, nach allen Regeln des Marktes (siehe auch das Thema Nische in der Nische) -zu spät! Ich bin keine Rampensau, nie gewesen. Das Schöne am Schreiben- daß es die Unmittelbarkeit einer Performance nicht hat und nicht haben muss. Danke Schicksal, daß Du mir diesen Traum nicht erfüllt hast.
6.) Ein Job, der mir genug Zeit und Raum läßt zum anlasslosen, intrinsischen herum essayieren und -poetisieren. Ich habe mich gleich hingesetzt und mich in einem großen Publikumsverlag als Frau für alles am Empfang beworben. Arbeitsbeginn nachmittags, was super ist, weil morgens habe ich meine beste Schreibzeit, direkt nach dem Wolkenstarren, Eichhörnchen gucken und Krähen beobachten in der Früh.
7.) Grundloses Grundeinkommen. Seit Jahren zahle ich als sogenanntes Crowdhörnchen (hat wohl mit den Eichhörnchen zu tun) in den Topf ein, aus dem bedingungslose Grundeinkommen für ein Jahr verlost werden. Es wird Zeit, daß ich jetzt endlich mal gewinne.
Trost spendet mir wie immer : ein Gedicht. Ein Scherzgedicht zwischen 2 japanischen Dichtern:
Ihr seht erschreckend mager aus
Liegt es daran, dass Euch - wie immer schon-
das Schreiben von Gedichten Kummer macht?
Einer der beiden, Matsuo Bashō, ist mein hero und mein neuestes role model. Als Wanderdichter verdiente er ein kümmerliches Auskommen, in dem er sich mit seinem Teekessel an den Strassenrand setzte, den Tee zum Verkauf anbot, mit den Passanten ins Gespräch kam und ab und an ein Gedicht verschenkte. In einem seiner haikus heisst es:
Obwohl bereit, auf weiter Flur zu enden,
fährt mir der Wind nun doch durch Mark und Bein.
